
Das Haus stand am Ende des Feldwegs, weiß, mit einer Veranda über die ganze Breite, und daneben eine Scheune, die größer war als das Haus. Hinter der Scheune ging die Sonne unter. Es war die Sorte Anblick, die man auf einem Kalender erwartet, und Rudl schaute ihn an wie einen Kalender, also ohne etwas dabei zu empfinden.
Auf dem Vorplatz standen zwei Fahrzeuge. Ein Kleinlaster, alt, und ein Auto, ebenfalls alt.
Brenda stellte den Impala daneben und zog den Schlüssel ab.
„Sie heißt Lydia“, sagte sie. „Sie redet nicht viel Deutsch.“
„Und was red ich dann?“
„Nichts. Das geht schon.“
*
Die Frau, die herauskam, war älter als Brenda, um die sechzig, mit einer weißen Haube, die eng am Kopf saß, und einem Kleid, das gemustert war, klein und blau und grau. Sie trocknete sich die Hände an der Schürze ab, während sie über den Vorplatz kam.
Sie sagte etwas zu Brenda. Brenda sagte etwas zurück.
Es war Deutsch, oder es war etwas, das aus Deutsch gemacht war. Rudl erwischte einzelne Wörter und verlor sie in der Zeit, die er brauchte, um sie zu erkennen, schon wieder. Es klang, wie wenn zwei Leute aus einem Dorf reden, das er nicht kennt, und sie redeten schnell, weil sie einander kannten.
Dann schaute die Frau ihn an.
Rudl grüßte, wie man grüßt, und dabei fiel ihm auf, daß er seit dem Vormittag mit niemandem geredet hatte, der ihn verstand, außer mit einem Kollegen in Wien, für vier Minuten.
Die Frau nickte ihm zu und sagte etwas zu Brenda, und Brenda antwortete, und die Frau schaute noch einmal her und ging voraus ins Haus.
*
Drinnen war es kühl, ohne daß irgendwo eine Klimaanlage lief.
Rudl blieb einen Moment im Vorhaus stehen und inspizierte den Raum und seinen Inhalt. Fußboden aus breiten Brettern, gescheuert, nicht lackiert. Ein Kasten mit Glastüren, in dem Teller standen, alle gleich. An der Wand ein Kalender von einer Futtermittelhandlung in Kalona, mit Zahlen in einem Raster und ohne Bild darüber.
Er brauchte eine Weile, bis er wußte, was ihn störte.
An den Wänden hing nichts. Keine Fotografien. Kein Hochzeitsbild, keine Kinder auf einer Kommode, kein gerahmter Herrgott. In dreißig Jahren Außendienst war Rudl in vielen Wohnungen gestanden, und in jeder einzelnen hing irgendwo ein Mensch an der Wand.
Hier hing ein Kalender.
*
Es gab Suppe, Brot und etwas Eingemachtes, und die Frau stellte alles auf den Tisch und setzte sich dazu.
Vor dem Essen wurde es still. Die beiden Frauen falteten die Hände und schauten auf die Tischplatte, und niemand sagte etwas, eine ganze Weile lang. Rudl faltete die Hände auch, weil man das tut, und schaute auf sein Glas und wartete, daß jemand anfängt.
Es fing nie jemand an. Dann war es vorbei und man aß.
Später sagte Brenda, das sei so, man betet still.
„Und woher weiß man, wann Schluß ist?“
„Man weiß es.“
*
Beim Essen redeten die zwei miteinander, und Rudl saß daneben und hörte zu, ohne zu verstehen.
Er war im Aufenthaltsraum der Unterkunft oft genug bei Leuten am Tisch gesessen, die über etwas redeten, das ihn nichts anging. Der Unterschied war, daß er dort jederzeit hätte hineinreden können und es nicht getan hatte, und hier hätte er nicht gekonnt.
Einmal sagte die Frau ein Wort, das er verstand, und das Wort war Auto.
Brenda legte den Löffel hin und antwortete, kurz, und die Frau sagte nichts mehr dazu, stand auf und schnitt Brot nach, obwohl noch welches am Tisch lag.
*
Danach wusch Rudl ab.
Er fragte nicht, ob er darf. Er stand auf, räumte die Teller zusammen und ging zum Abwasch, und als die Frau etwas sagen wollte, machte er mit der Hand lassen S‘ nur.
Es war das erste Mal seit dem Silo, daß er etwas tat, wofür er zuständig war.
Das Wasser kam heiß aus der Leitung. Über dem Abwasch hing ein Handtuch, gebügelt. Neben dem Abwasch lag ein Stück Seife auf einer Untertasse, und die Untertasse hatte einen Sprung, der mit etwas Durchsichtigem geklebt war.
*
Die Kammer war oben, unter dem Dach, und darin standen ein Bett, ein Sessel und eine Kommode.
Auf der Kommode lagen zwei Bücher.
Das eine war eine Bibel, dick, mit einem Rücken aus Leinen, und als Rudl sie aufschlug, war die linke Seite in Frakturschrift und die rechte in englischer. Er brauchte eine Weile, bis er die Fraktur lesen konnte, und dann konnte er sie lesen, weil man das in der Schule einmal gelernt hat und es nie ganz weggeht.
Das andere war kleiner und dicker und hatte keinen Titel auf dem Deckel. Drinnen waren offensichtlich Liedtexte, aber ohne Musik. Rudl blätterte und fand keine einzige Note.
Er fragte sich, wie einer weiß, wie das klingen soll, und dann erinnerte er sich, daß sie vorher auch gewußt hatten, wann das Beten aus ist.
*
Im Bett lag er lange wach.
Draußen war es so still, wie es in Hernals nie ist. Kein Verkehr, keine Bim, kein Lift im Haus nebenan. Nur einmal fuhr etwas über den Feldweg, weit weg, und er wartete, bis das Geräusch aufgehört hatte, und dann noch eine Weile länger.
Auf der Kommode lag das Etui.
Er hatte es hingelegt, als er sich auszog, und jetzt lag es dort neben der Bibel, und beide waren aus Leder, und das eine war neu und das andere nicht.
Morgen ist Freitag, dachte er. Am Samstag ist in Kalona Versteigerung.
Und in Wien war es jetzt kurz nach acht, und der Hofrat Wondra saß seit einer Viertelstunde an seinem Schreibtisch und wußte es inzwischen.