AMTSVERMERK GEGENSTAND: DER VORLIEGENDE BAND AUFNEHMER: DER VERFASSER ZEIT: NACH ABSCHLUSS DER HANDSCHRIFT ANLASS: KEINER. ES HAT NIEMAND VERLANGT.
Ein Mann, der eine Zeile nicht leer lassen kann, hat es verdient, daß man am Ende die eigene ausfüllt. Was folgt, ist der Versuch, ordentlich zu trennen: was nachzulesen ist, was aus verschiedenen Landesteilen zusammengetragen wurde, und was es schlicht nicht gibt.
A. ERFUNDEN, ABER NACH ECHTEM MUSTER
*Das Konsularkorps von Omaha und seinen Doyen gibt es nicht, und die Kennzeichenkategorie, um die gestritten wird, in Nebraska ebenso wenig. Das Verfahren dagegen stimmt bis in die Zuständigkeiten: Im Passenger Plates Manual* der Registry of Motor Vehicles von Massachusetts hängt die Tafel für Honorarkonsuln daran, daß der Doyen des Honorary Consular Corps sie genehmigt — eine Person, kein Amt, und im Handbuch namentlich als der jeweilige Honorarkonsul eines bestimmten Landes ausgewiesen. Daß ein Einzelner damit über die Tafel eines anderen verfügt, ist also nicht die Zuspitzung des Romans, sondern der Normalzustand einer amerikanischen Behörde. Verschoben wurde er von der Ostküste in den Mittelwesten, weil die Handlung nicht nach Boston kommt.
Ebenso stimmt, daß eine solche Zulassung nicht jedes Jahr neu beantragt, sondern nur automatisch verlängert wird. Die Genehmigung ist ein Tor, keine Leine — man muß einmal hindurch, und danach schaut niemand mehr hin. Auch das ist keine Erfindung, sondern der Grund, warum die Sache im Buch überhaupt funktioniert.
*Uncle Sam’s Diner & Fuel*, sämtliche Figuren und der Ort an der Interstate 80 sind erfunden.
B. ERFUNDEN, OHNE MUSTER: WIE BRENDA REDET
Das Unwahrscheinlichste an diesem Buch ist nicht der Konsul. Es ist, daß die beiden einander verstehen.
Old Order Amish sprechen daheim Pennsylvanisch-Deutsch, einen pfälzischen Dialekt, und mit Fremden Englisch. Das Amische Hochdeutsch, in dem religiöse Schriften gelesen werden, ist eine Lesesprache und keine Sprechsprache; man betet und singt darin, man unterhält sich nicht darin. Eine Frau aus Indiana und ein Oberaufseher aus Wien hätten sich in Wirklichkeit auf Englisch verständigt oder gar nicht — und damit wäre der Roman nach vier Seiten zu Ende gewesen, weil Rudl kein Englisch kann.
Brendas Deutsch ist deshalb eine Übereinkunft, dieselbe wie im Kriegsfilm, wo alle Englisch reden und man weiß, daß es nicht so war. Es steht für eine Verständigung, die es in dieser Form nicht gibt: Brendas Deutsch hört sich altertümlich an, weil es ohne Fremdwörter auskommt, und fremd, weil sie Rudl mit ihr und euch anspricht.
Das Zweite ist kein amischer Zug, sondern ein deutscher. Das Ihrzen war bis ins neunzehnte Jahrhundert die mittlere Anrede zwischen dem Du und dem Sie; dann ist es aus der Sprache gefallen, und heute steht es nur noch in Märchen und in alten Bibeln. Daß die Siedlungen es bewahrt hätten, ist nicht belegt. Gesetzt ist es trotzdem, und zwar aus demselben Grund, der für alles an diesen Leuten gilt: Eine Sprache, die mit ihren Sprechern ausgewandert ist, bleibt an Stellen stehen, an denen die daheimgebliebene weitergegangen ist. Man hört dann in jedem Satz, wie lange die beiden schon getrennt sind — die zwei Sprachen und die zwei Leute, die nicht zusammengehören.
Wer also nachschlägt, wird finden, daß Brenda so nicht spricht. Das ist richtig. Sie spricht so, damit man ihr zuhören kann.
Aus demselben Grund steht das ganze Buch in der Rechtschreibung vor 1996. Der Verfasser hat Österreich 1997 verlassen. Die Reform war damals unterschrieben, aber noch nicht in Kraft; in den Schulen galt sie ab 1998, die Zeitungen stellten ein Jahr später um. Er hat also nie ein Land erlebt, in dem daß falsch war, und hat es seither auch nicht nachgeholt.
Damit ist die Schreibung dieses Buches derselbe Vorgang wie Brendas ihr, nur um acht oder zehn Generationen versetzt. Man nimmt seine Sprache in dem Zustand mit, in dem sie am Tag der Abreise war, und gibt sie nicht mehr her. Wer das an sich selber beobachtet hat, muß es auch einer Frau zutrauen, deren Leute vor zweihundertfünfzig Jahren gefahren sind.
Aus demselben Grund trägt sie ein Kopftuch statt der weißen Haube. Für die Siedlungen in Indiana ist das nicht belegt und hier als persönliche Abweichung einer Frau gesetzt, die ohnehin schon abweicht.
C. STIMMT
– Die Magistratsabteilung 48 und ihre Dienstbezeichnungen; das Fundamt der Stadt Wien in der Siebenbrunnenfeldgasse samt Öffnungszeiten; die Prüfstraße nach §57a; der Winterdienst. Die Müllverbrennung Spittelau betreibt Wien Energie und nicht die MA 48 — auch das ist ein Unterschied, auf den ein Oberaufseher Wert legt.
– Daß Old Order Amish nicht selbst Auto fahren und daß ein eigener Wagen ein Grund für den Bann ist.
– Daß die Ernsthafte Christenpflicht „Unser Vater in dem Himmel“ hat und nicht Luthers Fassung.
– Der Ochse, der am Sabbat in den Brunnen fällt: Lukas 14,5.
– Daß Biber orange Schneidezähne haben. Das Eisen im Zahnschmelz macht die Farbe und die Härte zugleich; weiß wäre weicher.
– Die Regel vom nicht eingeschlagenen Lenkrad, wie sie in den Fahrhandbüchern von New York, Kalifornien und Virginia steht. In den österreichischen Unterlagen habe ich sie nicht gefunden.
– Das Zitat stammt aus John Irving, A Widow for One Year, 1998.
– Daß das amerikanische Außenministerium seit 2021 die Kennzeichen von Honorarkonsuln einzieht, weil sie Vorrechte andeuten, auf die niemand Anspruch hat — und daß ein abberufener Konsul seine Tafel behalten hat.
– Kalona in Iowa, die Siedlung um Elkhart und LaGrange, der Verlag Pathway in LaGrange.
D. OFFEN
Ob ein Wiener Oberaufseher und eine Frau, die ihre Gemeinde verloren hat, im wirklichen Leben eine Woche lang miteinander in einem Wagen sitzen könnten, ohne daß es schiefgeht, weiß der Verfasser nicht.
Diese Zeile bleibt leer.