Zwanzig Meilen weiter merkte Rudl, was ihm fehlte.
Er hatte den Wagen gesehen und gerochen, was darin lag. Er wußte, daß die Fahne im Ladebett ausgeblichen war und daß am Führerhaus ein Bündel Antennen saß.
Er hatte sich das Kennzeichen nicht notiert.
Er war zwei Schritte daran vorbeigegangen und hatte weggeschaut, weil Stehenbleiben auffällt.
„Ich muß zurück.“
„Nein.“
„Ich brauch die Nummer.“
„Wozu?“
Rudl schaute geradeaus und legte es sich zurecht, so wie er sich dreißig Jahre lang Niederschriften zurechtgelegt hatte.
Irgendwann kommen sie in einen Ort, wo es eine Behörde gibt. Reden kann er dort nicht. Also schreibt er es auf, und einer liest es. Und was liest der? Einen schwarzen Wagen mit einer Plane darüber.
Davon stehen an jeder Ausfahrt zwanzig.
„Ohne die Nummer kann ich es nirgends anzeigen.“
Brenda fuhr weiter, so wie sie den ganzen Tag gefahren war.
„Und wenn er dort steht?“
„Dann steht er dort.“
„Dann fahren wir nicht.“
Rudl sagte nichts mehr. Er rechnete nur, wie weit dreißig Meilen zu Fuß sind.
*
Zwei Meilen weiter setzte sie den Blinker, fuhr bei der Ausfahrt hinunter, die Schleife unter der Fahrbahn durch und auf der anderen Seite wieder hinauf.
„Sie haben doch gesagt, wir fahren nicht zurück.“
„Ihr wärt gegangen.“
Sie fuhr schneller zurück, als sie den ganzen Tag gefahren war. Rudl schaute einmal auf den Tacho und dann wieder hinaus.
*
Von Osten sah die Anlage gleich aus, nur stand die Sonne jetzt vorne.
Brenda fuhr nicht auf den Platz. Sie stellte den Impala an der Straße ab, hinter einem Anhänger, von dem aus man über den Zaun schaute.
Zwischen den Lastwagen war eine Lücke, zweite Reihe, Schnauze zum Feld.
Rudl stieg trotzdem aus.
Auf dem Asphalt stand die Hitze. Er ging bis zu der Lücke, blieb dort stehen, wo der Wagen gestanden war, und schaute hinunter.
Der Belag war dunkel. Kein Fleck wie im Schotter beim Silo, sondern eine Fläche, ungefähr so groß wie eine Tischplatte, und an einer Seite lief es in die Rinne zwischen den Platten hinein.
Rudl ging in die Hocke, so wie er dreißig Jahre lang neben Behältern in die Hocke gegangen war.
Die Ränder waren eingetrocknet und heller als die Mitte. Bei der Hitze heißt das Stunden, nicht Minuten. Der Wagen war die Nacht dagestanden und den halben Vormittag dazu.
Und er stand nicht dort, wo ein Motor tropft. Ein Motor tropft vorne, unter dem Block. Das hier war zu weit hinten.
Er verkniff es sich, den Finger hineinzustecken.
*
Bei den Säulen für die Lastwagen wickelte ein Fahrer einen Schlauch auf.
Rudl ging hin. Er zeigte auf die Lücke zwischen den Sattelzügen, machte mit der flachen Hand die Bewegung, die auf der ganzen Welt weggefahren bedeutet, und sagte das Einzige, was er auf Englisch zusammenbrachte.
„Black car.“
Der Mann schaute auf die Lücke und dann auf Rudl. Er sagte etwas, freundlich und ziemlich lang, und dabei sah man, daß er seitlich oben einen Zahn aus Gold hatte und den Rest so, wie er gewachsen war.
Dann wickelte er weiter.
*
Im Wagen nahm er den Kugelschreiber aus der Spirale und schlug Brendas Heft auf, unter der Zeile vom Vortag.
WAHRNEHMUNG ORT: RASTANLAGE I-80, WESTLICH DER AUSFAHRT ZEIT: 11.20 ORTSZEIT GEGENSTAND: SCHWARZER PICKUP, HOCHGELEGT, ANTENNENBÜNDEL, FAHNENSTANGE IM LADEBETT, PLANE ÜBER DER LADEFLÄCHE GERUCH: EINDEUTIG AM STANDPLATZ: DUNKLE FLÄCHE, CA. 1 × 1,5 M KENNZEICHEN:
Er legte den Stift hin.
„Was fehlt?“, fragte Brenda.
„Das, was es zu einer Meldung macht.“
Er schlug das Heft nicht zu.
*
Sie fuhren wieder hinauf und wieder nach Westen.
Rudl rechnete. Um zehn war der Wagen noch dagestanden, jetzt war es zwanzig nach elf. In einer Stunde und zwanzig Minuten kommt man achtzig Meilen weit, in jede Richtung, die es gibt.
Eine davon war die, in die sie fuhren.