Zahnweiß (10): Grüß Gott

Es war kein Gefängnis, das sah der Sammer gleich.

Es war ein Zimmer im ersten Stock, mit einem Tisch, drei Sesseln und einem Fenster, durch das man auf den Parkplatz hinunterschaute. An der Wand hing ein Schwarzes Brett mit Zetteln darauf, und über der Tür eine Uhr, die ging.

Die Tür war nicht abgesperrt. Er probierte es einmal aus, vorsichtig, indem er die Klinke hinunterdrückte und wieder losließ.

Sie war nicht abgesperrt, und trotzdem ging er nicht hinaus. Sie hatten seinen Reisepaß.

*

Zwischendurch kam jemand herein und sagte etwas.

Der Sammer verstand es nie. Er legte jedes Mal die Hand ans Ohr, und jedes Mal redete der andere lauter, und lauter hilft bei ihm gar nichts. Was er braucht, ist ein Gesicht, das ihn dabei anschaut, und Zeit.

Beides hatte hier niemand.

Einmal brachte eine junge Frau in Uniform ein Häferl Kaffee und stellte es hin und lächelte dazu. Sie hatte sehr gerade Zähne. Der Sammer bedankte sich auf Deutsch, und sie ging wieder.

Der Kaffee war heiß und schmeckte nach nichts.

*

Er überlegte sich in den zwei Stunden dreimal, was er falsch gemacht hatte, und kam dreimal zu keinem Ergebnis.

Er war ausgestiegen, weil ein Mann fehlte. Er war zurückgefahren, weil ihn niemand sonst gesucht hat. Er war stehen geblieben, wo alle stehen geblieben sind.

Das Einzige, was ihm einfiel, war das Nicken. Er hatte auf alles genickt, seit er da war, weil er nicht verstand, und irgendwann muß er auf etwas genickt haben, was etwas anderes bedeutet hat als ja, gern.

Man müßte es aufschreiben, dachte er. Wenn man es aufschreibt, kann man es hergeben, und dann liest es einer, der Zeit hat.

Papier hatte er keines, außer dem Reiseplan, und den hatten sie auch.

*

Um halb elf ging die Tür auf, und der mit dem Hut kam herein und stellte ein Telefon auf den Tisch, so eines mit Schnur, das er von irgendwo hergeholt haben mußte.

Er sagte etwas, deutete auf das Telefon und dann auf den Sammer.

Der Sammer wartete.

Der andere nahm den Hörer und gab ihn ihm in die Hand und nickte dabei, und weil das Nicken diesmal von der anderen Seite kam, hielt der Sammer den Hörer ans Ohr. Ans rechte, weil das linke gar nichts mehr macht.

Es rauschte, und dann atmete einer.

„Grüß Gott“, sagte der andere. „Spreche ich mit dem Herrn Sammer?“

*

Es war Deutsch.

Es war nicht bloß Deutsch, es war ein Deutsch von daheim, mit einem a, das breit war, und einem Satzende, das ein bißchen hinunterging.

Der Sammer nahm den Hörer fester und sagte nichts, eine Sekunde zu lang.

„Herr Sammer? Hören Sie mich?“

„Ja.“

„Mein Name ist Anton Prantl. Ich bin Honorarkonsul der Republik Österreich für den Bundesstaat Nebraska.“ Eine kleine Pause, als ob er dem Satz Zeit geben wollte. „Man hat mich angerufen. Ich hab gehört, Sie haben ein Problem.“

Der Sammer sagte, daß er kein Problem hat.

Dann sagte er, daß ein Mann fehlt.

*

Er zählte es auf, so gut er es konnte. Der Brandstetter Rupert, aus der Gruppe, Reihe vierzehn, sein Nachbar. Beim Tankstopp nicht mehr eingestiegen. Der Koffer liegt oben im Netz und der Reisepaß auch. Die Reiseleiterin wollte nicht umkehren. Er ist zurückgefahren und hat ihn nicht gefunden, und dann waren dort die Polizei und ein Band und ein Wagen, in den sie jemanden hineingeschoben haben, und es war nicht der Brandstetter, weil es zu klein war.

Der andere ließ ihn ausreden, was seit dem Vormittag niemand getan hatte.

Dann war es kurz still.

„Wie hat der Herr geheißen?“, fragte er dann. „Noch einmal, bitte. Und langsam.“

Und der Sammer sagte es noch einmal, langsam, Buchstabe für Buchstabe, wie man einen Namen sagt, den einer aufschreibt.

Und am anderen Ende, dreihundert Meilen weiter westlich, hörte er ihn schreiben.