Zahnweiß (14): Der Rahmen

Ab zwei Uhr schaute der Sammer alle paar Minuten auf den Parkplatz hinunter, und weil er das tat, sah er jedes Auto, das hereinkam, und keines davon war das richtige.

Um vier waren es drei gewesen, ein weißer Lieferwagen und zweimal Polizei.

Um zwanzig nach vier kam ein dunkelblauer.

Er kam langsam herein, so wie einer hereinfährt, der ortsfremd ist und nicht anstreifen will, und stellte sich weit weg von der Tür hin, wo die Bäume Schatten machten. Ein großer Wagen, älter, aber gewaschen. Der Sammer hatte in siebenundsiebzig Jahren genug Autos gesehen, um zu wissen, was es heißt, wenn einer bei der Hitze fünfzig Schritte weiter geht, damit der Lack in den Schatten kommt.

Der Mann, der ausstieg, trug ein Sakko.

*

Er blieb neben dem Wagen stehen, zog das Sakko an, obwohl es fünfunddreißig Grad hatte, und richtete den Krawattenknoten, ohne in ein Fenster zu schauen. Das kann nur einer, der es oft macht.

Dann nahm er eine Mappe von der Rückbank.

Vorne am Wagen blitzte etwas, wenn der Mann sich daneben bewegte.

Der Sammer schaute eine Weile hinunter. Bis zu dem Wagen waren es dreißig Meter, und auf dreißig Meter ist ein Blitzen ein Blitzen.

*

Er kam die Stiege herauf, und man hörte ihn zwei Türen früher, weil er im Gehen redete.

Dann ging die Tür auf.

„Grüß Gott, Herr Sammer.“

Es war dieselbe Stimme, und sie gehörte zu einem Mann von etwa fünfundsechzig, kräftig, mit grauem, sehr ordentlichem Haar und einer Brille, die er beim Hereinkommen abnahm und in die Brusttasche steckte, als ob es hier nichts zu lesen gäbe.

Er gab dem Sammer die Hand, mit beiden Händen.

„Anton Prantl.“

„Sammer.“

„Ich weiß.“ Er lächelte. „Ich hab Ihren Namen seit gestern nacht auf einem Zettel.“

Als er lächelte, sah man seine Zähne. Sie waren gerade und hell und alle gleich, und der Sammer schaute einen Moment zu lang hin, weil ihm etwas dazu einfiel, was ihm aber nicht einfiel.

*

„Haben Sie was gegessen?“

„Sie haben mir was gebracht.“

„Das ist keine Antwort.“ Prantl stellte die Mappe auf den Tisch. „Ich richt das nachher. Zuerst red ich mit den Leuten.“

„Sie waren eh freundlich.“

„Das sind die immer.“ Er sagte es ohne Bitterkeit, so wie man ein Wetter feststellt. „Das ist ja das Problem. Bei uns merkt man, wenn es ernst wird, weil einer unfreundlich wird. Hier merkt man es gar nicht.“

Er ging wieder hinaus, und der Sammer setzte sich auf seinen Sessel und stellte das Hörgerät lauter.

*

Er hörte trotzdem nichts.

Er hörte, daß unten geredet wurde, und er hörte, wann Prantl redete und wann der andere, weil Prantl langsamer redete und in Sätzen, die man an einem Punkt zu Ende gehen hört. Zweimal war es kurz still, und beide Male fing danach der andere an.

Nach zwanzig Minuten kam er herauf, und da war das Sakko offen.

„Also.“

Er setzte sich dem Sammer gegenüber und legte die Hände flach auf den Tisch, so wie einer, der etwas hinlegt, das er nicht mitgebracht hat.

„Ihren Reisepaß kriegen Sie. Der liegt unten und ist in einer halben Stunde da.“

„Und?“

„Und Sie sind kein Beschuldigter, das hat er zweimal gesagt, und das glaub ich ihm auch.“ Prantl schaute auf seine Hände. „Aber Sie sind der Einzige auf der Welt, der den Herrn Brandstetter kennt. Also wollen sie wissen, wo Sie sich aufhalten.“

„Ich weiß nicht, wo ich mich aufhalte.“

„Das ist genau das Problem.“

*

Er machte die Mappe auf, nahm ein Blatt heraus und legte es hin, mit der Schrift zum Sammer.

Es war ein Briefkopf, und auf dem Briefkopf war ein Adler.

„Ich hab ihnen eine Adresse gegeben“, sagte Prantl. „Sie brauchen eine, sonst geht das nicht. Ohne Adresse ist einer nur eine Person.“

„Ich hab keine Adresse.“

„Sie haben jetzt meine.“

Der Sammer schaute auf das Blatt. Er las den Straßennamen und die Stadt, und er las auch die Zahl davor, und dann schaute er wieder hinauf.

„Ist das das Konsulat?“

„Das ist mein Haus“, sagte Prantl.

*

Draußen fuhr etwas vorbei, und im Zimmer war es eine Weile still.

„Und wenn ich nicht mitfahr?“, fragte der Sammer.

„Dann fahren S‘ nicht mit.“ Prantl klappte die Mappe zu. „Dann setz ich Sie in Omaha in den Bus, und in vier Tagen sind S‘ daheim, und die Sache erledigt sich ohne Sie.“

„Und der Brandstetter?“

Prantl antwortete nicht gleich.

„Der Brandstetter“, sagte er dann, „ist seit gestern mittag irgendwo westlich von hier, ohne Paß und ohne Englisch, und es sucht ihn eine Polizei, die höflich ist.“ Er nahm die Brille aus der Brusttasche und setzte sie wieder auf, ohne etwas zu lesen. „Ich bin für Nebraska bestellt. Wenn er weiter nach Westen fahrt, kommt er irgendwann zu mir. Das ist keine große Hoffnung, aber es ist die, die ich hab.“

*

Sie brachten den Reisepaß um zehn nach fünf.

Der Sammer klappte ihn auf und schaute das Lichtbild an, das aus dem Zweitausendzwanziger stammte und in dem er jünger ausschaute, als er sich in Erinnerung hatte, und dann steckte er ihn in die Innentasche und drückte einmal von außen darauf.

Prantl trug die Mappe. Auf der Stiege ging er einen Schritt hinter ihm, so daß der Sammer sich am Geländer anhalten konnte, ohne daß es aussah, als würde ihm einer helfen.

Unten war die Hitze noch da.

Der dunkelblaue Wagen stand im Schatten, wo die Bäume inzwischen weitergewandert waren, und die halbe Motorhaube lag in der Sonne. Prantl schaute es an und sagte nichts dazu.

Er machte dem Sammer die Tür auf, wie man einem alten Mann die Tür aufmacht, ohne daß man dabei etwas sagt.

*

Beim Einsteigen kam der Sammer vorne am Wagen vorbei, und da sah er, was geblitzt hatte.

Ein Nummerntafelrahmen aus Chrom, geputzt. Die Nummerntafel darin war eine von Nebraska, wie sie hier alle haben, mit einer Nummer, die nichts bedeutet. Oben in den Rahmen war ein Wort eingraviert, in Großbuchstaben.

AUSTRIA.

Er stand einen Moment davor. Der Rahmen war geputzt. Die Nummerntafel darin nicht.

„Das steht da schon lang“, sagte Prantl, als sie saßen. „Der Rahmen ist für eine andere Nummerntafel.“

„Und warum haben S‘ die nicht?“

„Weil einer nein sagt.“

Der Sammer nickte, und diesmal war es richtig, weil man dazu wirklich nichts sagen kann.

Dann fuhren sie auf die Achtzig hinauf, nach Westen, und die Sonne stand ihnen genau im Gesicht, und Prantl zog die Blende herunter und fuhr mit einer Hand.