Zahnweiß (13): Sechzehn Stufen

Am Abend war das Haus schon dunkel, als sie hereinkamen, und es roch nach dem Essen, das es um sechs gegeben hatte und bei dem sie nicht dabeigewesen waren.

Die Lydia stand in der Küche und trocknete etwas ab, das schon trocken war.

Brenda sagte ihr etwas in der anderen Sprache. Rudl verstand kein Wort davon und hörte trotzdem, was es war: Sie erzählte den Tag der Reihe nach. Sie hielt an denselben Stellen an, an denen er selber angehalten hätte, und einmal ging sie ein Stück zurück und fing einen Abschnitt noch einmal an, wie einer, der etwas ausgelassen hat und es nicht hinten anhängen will.

Die Lydia hörte zu und schaute dabei nicht Brenda an, sondern das Geschirrtuch, das sie noch immer in der Hand hatte. Zweimal fiel ein Wort, das Rudl kannte. Beim zweiten Mal war es Polizei, und es klang in dieser Sprache genauso wie in seiner.

Dann sagte die Lydia drei Wörter, und Brenda nickte, und damit war es offenbar besprochen.

„Was hat sie gesagt?“

„Daß Sie bleiben können.“

„Und sonst?“

Brenda hängte den Schlüssel an einen Nagel neben der Tür. „Sonst nichts.“

*

Sie gingen um neun hinauf, zuerst die Lydia, dann Brenda, und die Stiege knarrte bei beiden an derselben Stufe.

Rudl blieb sitzen.

Auf dem Tisch stand die Lampe, so eine mit einem Glaszylinder und einem Strumpf darin, der weiß glühte und leise zischte. Sie gab mehr Licht her, als er einer Lampe ohne Strom zugetraut hätte, und sie machte einen Kreis auf dem Tischtuch. Außen herum hörte das Zimmer auf.

Er wartete noch eine Weile, bis sich oben nichts mehr rührte.

Dann legte er das Etui in den Kreis.

*

Er hatte es seit Donnerstag in der Sakkotasche getragen und dreimal aufgeklappt, und jedes Mal war etwas anderes wichtiger gewesen. Einmal Geld, einmal ein Mann mit einer Kappe, einmal die Frage, ob man vierzig Dollar aus einem Fundgegenstand nehmen darf.

Aufgenommen hatte er es nie. Eine Nummer aufschreiben, die er nicht hat, geht nicht. Einen Gegenstand aufnehmen, den er in der Hand hält, geht sehr wohl.

Das Heft von Brenda hatte er beim Aussteigen aus dem Handschuhfach genommen, mit dem Kugelschreiber in der Spirale. In einem Wagen, den keiner absperrt, läßt man eine Niederschrift nicht liegen.

Er schlug es auf und machte oben einen Strich über die ganze Breite.

*

Zuerst das Äußere. Schwarz, Leder oder etwas, das sich so anfühlt, an den Kanten abgegriffen und dort heller. Er maß es an der Handspanne ab und rechnete es um: siebzehn auf neun, und dreieinhalb dick. So etwas trägt man unter dem Arm und nicht in einer Tasche. Zwei Druckknöpfe. Auf der Innenseite des Deckels ein eingeprägtes Zeichen, kleiner als ein Fingernagel, nicht mehr zu entziffern.

Dann das Geld. Er zählte es noch einmal, und es waren wieder hundertsiebenundzwanzig, und der Gummiring hatte inzwischen wieder eine Rille in den obersten Schein gedrückt.

Er notierte die Rille. Was nicht gleich auf Papier geschrieben wird, ist später eine Behauptung.

Dann der Datenträger, den er am Donnerstag auf der Serviette schon eingetragen hatte, ohne mehr davon zu haben als vier Ziffern. Ein Stick mit einer Kappe, so lang wie ein halber Finger, das Blech an der Steckseite blank. In der Sektion hatten sie solche für die Dienstpläne, und was darauf ist, sagt einem keiner ohne ein Gerät zum Lesen. So ein Gerät hatte er nicht.

Dann nahm er die Scheine ganz heraus, und das hatte er bisher nicht getan.

*

Unter dem Geld war das Etui nicht zu Ende.

Es hatte einen zweiten Boden, oder besser: Der Boden war eine Klappe, und die Klappe hatte eine Lasche, und die Lasche war so schmal, daß man sie für eine Naht halten konnte, solange Geld darauf lag.

Rudl zog daran.

Darunter lag eine flache Kassette.

*

Er nahm sie heraus und hielt sie ins Licht.

Sie war aus grauem Kunststoff, breiter als seine Hand, mit einem langen Loch in der Mitte zum Halten. Vorne stand erhaben ein Wort, das ihm nichts sagte, und darunter kleiner ein Buchstabe, eine Zahl, ein Strich, wieder ein Buchstabe und eine Zahl.

Von — bis. So etwas schreibt man auf einen Ordnerrücken.

Oben steckten Zähne. Sechzehn Stück, jeder auf einem flachen Stiel, jeder Stiel in einem eigenen Schlitz, einer neben dem anderen in einer Reihe, und unten auf jedem Stiel stand ein Buchstabe und eine Zahl.

Rudl zog einen heraus. Der Stiel ging leicht heraus und genauso leicht wieder hinein, ohne zu klemmen.

Der Zahn selber saß nicht fest auf dem Stiel. Er ließ sich drehen und ein Stück kippen und blieb dann so stehen, wie man ihn gestellt hatte.

Rudl probierte es zweimal. Wer das so baut, will das Ding an etwas anhalten können, das selber schief steht.

Sie waren alle weiß.

Nicht verschieden weiß, wie zwei Blatt Papier verschieden weiß sind. Sechzehnmal dasselbe Weiß, mit einem Unterschied dazwischen, den einer festgelegt haben muß, weil man ihn nicht sieht.

Rudl hielt zwei nebeneinander gegen die Lampe und sah nichts. Er hielt den ersten und den letzten nebeneinander, und da sah er etwas, aber sagen hätte er nicht können, was.

Er zog sie der Reihe nach heraus und steckte sie zurück, jeden an seinen Platz, weil man das so macht.

Dreißig Jahre hatte er mit Leuten zu tun gehabt, die Dinge sortieren: nach Größe, nach Gewicht, nach Papier und Glas und Metall. Hier hatte einer Weiß sortiert und war dabei auf sechzehn Stufen gekommen.

Er hielt die Kassette neben die Lampe und schaute die Reihe entlang.

Keiner von den sechzehn war orange.

Und keiner von den sechzehn schaute aus wie ein Zahn.

*

Einen ließ er draußen.

Er hielt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger und drehte ihn, bis er so stand, wie ein oberer Schneidezahn steht.

Dann wußte er, woher er das kennt.

Nicht den einen. Alle sechzehn. Er hatte am Donnerstag um zwanzig nach zwölf einen Mund gesehen, in dem sie alle dringestanden sind, gleich lang und gleich breit und dazwischen kein Spalt.

*

Neben dem Griffloch klebte ein Zettel, weiß, mit gedruckten Buchstaben. Eingeprägt war das andere, das war vom Erzeuger. Aufgeklebt wird, wem etwas gehört.

Und der Zettel war das Einzige an dem ganzen Ding, das Rudl lesen konnte, und der Aufkleber war das Einzige an dem ganzen Ding, das Rudl lesen konnte, weil ein Name ein Name ist, egal in welcher Sprache.

Er hielt ihn dichter zur Lampe.

Darauf standen zwei Zeilen. Die erste war ein Wort mit Dental darin und noch eines dazu. Die zweite war eine Stadt und die Abkürzung eines Bundesstaates, und die Stadt hieß Omaha.

Rudl kannte den Namen. Er stand auf dem Reiseplan, an einer Stelle, an der er selber hätte sein sollen, mit dem Bus, am Sonntag.

*

Er schrieb es auf.

FUNDGEGENSTAND: ETUI, SCHWARZ, ZWEI DRUCKKNÖPFE,
  CA. 17 × 9 × 3,5 CM
NACHTRAG ZUR NIEDERSCHRIFT VOM DONNERSTAG, 12.20 ORTSZEIT
INHALT VOLLSTÄNDIG AUFGENOMMEN:
  1. BARGELD, 127 SCHEINE ZU 100 USD = 12.700 USD.
     OBERSTER SCHEIN MIT RILLE VOM GUMMIRING.
  2. DATENTRÄGER, PLASTIK, CA. 6 CM, MIT FILZSTIFT BEZEICHNET: 0106.
     INHALT NICHT FESTSTELLBAR.
  3. DOPPELTER BODEN, AM DONNERSTAG NICHT BEMERKT. DARIN:
     GERÄT UNBEKANNTER ART: FLACHE KASSETTE, DARIN 16 KUNSTSTOFF-
     ZÄHNE AUF STIELEN, EINZELN STECKBAR, AUF DEM STIEL DREHBAR,
     MIT BUCHSTABE UND ZAHL BEZEICHNET, NACH HELLIGKEIT GEREIHT.
     AUFKLEBER MIT FIRMENNAME UND ORT: OMAHA, NE.
     
AUFNEHMER: BRANDSTETTER RUPERT, OBERAUFSEHER, MA 48

Er setzte das Datum daneben, die Uhrzeit darunter und machte einen Strich unter das Ganze.

Es war keine Zeile leer.

*

Dann saß er noch da und ließ die Hände auf dem Tischtuch liegen.

Zwölftausendsiebenhundert Dollar hatten obenauf gelegen, und darunter eine Klappe, die man für eine Naht hält, solange Geld darauf liegt.

So ein Etui kauft man nicht im Geschäft. So eines läßt sich einer machen, und er läßt es sich genau so machen: damit der, der hineinschaut, das Geld sieht und aufhört zu schauen.

Das Geld war also nicht das, was versteckt war. Versteckt war die Kassette.

Rudl klappte das Etui zu und drückte beide Knöpfe zu, einen nach dem anderen, weil es zwei sind.

Oben ging jemand durchs Zimmer, kurz, und dann war es wieder still.

Er drehte die Lampe klein, so wie man es ihm am ersten Abend gezeigt hatte, und im Kleinerwerden warf sie ihn noch einmal an die Wand, doppelt so groß und ohne Gesicht.