Geschlafen hatte er auf zwei Sesseln, die er nebeneinandergeschoben hatte, und aufgewacht war er davon, daß jemand im Gang einen Rollwagen vorbeischob.
Das Fenster ging noch immer auf den Parkplatz. Draußen war es hell, und die Wagen standen anders als am Abend, was hieß, daß in der Nacht Leute gekommen und gegangen waren, und keiner davon seinetwegen.
Um zwanzig nach neun brachten sie das Telefon wieder herein.
*
„Grüß Gott, Herr Sammer. Haben Sie schlafen können?“
„Ein bissl.“
„Ich muß Ihnen etwas sagen.“ Prantl machte eine kleine Pause, wie am Abend davor, wenn er einem Satz Zeit gab. „Zuständig bin ich für Sie nicht. Ich bin für Nebraska bestellt. Sie sitzen in Illinois.“
„Und wer ist zuständig?“
„Das Generalkonsulat in Chicago. Ich hab in der Nacht dort angerufen, da ist ein Anrufbeantworter gegangen. In der Früh hab ich noch einmal angerufen, und da hat eine Dame den Fall aufgenommen.“
„Und?“
„Und jetzt haben sie einen Fall.“
Der Sammer sagte eine Weile nichts.
„Und warum reden dann Sie mit mir?“
„Ich ruf nicht an“, sagte Prantl. „Die haben mich angerufen, vor einer Stunde. Die brauchen wen, der Deutsch kann, und meine Nummer steht bei ihnen seit gestern nacht auf einem Zettel.“
*
„Es kommen gleich zwei Herren herein“, sagte Prantl. „Die werden Sie etwas fragen, und ich sag Ihnen, was sie fragen, und Sie antworten mir, und ich sag es ihnen. Das ist alles, was ich darf.“
„Gut.“
„Und eine Bitte hätt ich.“
„Ja.“
„Nicken Sie nicht.“
Der Sammer schaute auf den Hörer in seiner Hand.
„Wie meinen Sie das?“
„Die schreiben mit“, sagte Prantl. „Wenn Sie nicken, steht nachher ja da. Sagen Sie ja oder nein. Und wenn Sie es nicht wissen, sagen Sie, daß Sie es nicht wissen. Das ist auch eine Antwort.“
Es klopfte, und es kamen zwei herein, der mit dem Hut und eine Frau mit einem Ordner, und die Frau setzte sich so hin, daß sie schreiben konnte.
*
Die ersten Fragen waren leicht.
Ob er den Herrn Brandstetter kenne. Ja. Sechs Tage nebeneinander im Bus, Reihe vierzehn, Fenster er, Gang der Brandstetter.
Ob sie miteinander gereist seien. Nein, jeder für sich, es war eine Gruppe.
Ob der Herr Brandstetter Englisch spreche. Nein. Gar nicht.
Bei jeder Antwort hörte der Sammer, wie es am anderen Ende ruhig wurde und dann weiterging, und dazwischen kratzte im Zimmer der Stift der Frau.
Dann wurden die Fragen anders, ohne daß sich der Ton geändert hätte.
„Wann Sie ihn zuletzt gesehen haben.“
„Bei der Tankstelle. Um zwölf herum.“
„Wo genau, fragen sie.“
Der Sammer überlegte, weil er es ordentlich sagen wollte.
„Er ist über den Platz gegangen und ins Gasthaus hinein.“
Er hörte, wie Prantl es sagte, und er hörte, daß es kurz war und daß die Frau lange schrieb.
„Ob er allein hineingegangen ist.“
„Allein.“
„Ob er Geld dabeigehabt hat.“
„Das weiß ich nicht.“
„Sagen Sie es genau so.“
„Das weiß ich nicht.“
*
Dann legten sie ihm Lichtbilder auf den Tisch, vier Stück, nebeneinander wie Spielkarten.
Das erste war der Parkplatz von oben. Das zweite eine Tür mit einer Nummer darauf. Das vierte war unscharf und zeigte einen dunklen Wagen von hinten, und der Sammer hätte nicht sagen können, was daran wichtig sein sollte.
Das dritte war ein Mädchen.
Es war kein Lichtbild von der Polizei, es war eines aus einem Telefon, ausgedruckt auf gewöhnlichem Papier, und man sah, daß es jemand aufgenommen hatte, der sie gern gehabt hatte. Sie lachte und hielt etwas in die Kamera, das man nicht mehr erkennen konnte.
Im Lachen war oben ein Zahn ein bissl grau.
Der Sammer schaute länger darauf, als er wollte.
„Ob er sie gekannt hat“, sagte Prantl.
Und in dem Moment verstand der Sammer, warum sie seit dem Vormittag immer denselben Namen sagen.
*
„Wie alt ist sie gewesen?“, fragte er.
Am anderen Ende war es still.
„Herr Sammer, das darf ich nicht fragen.“
„Fragen Sie es.“
Prantl fragte es. Es dauerte, und dann kam eine Zahl zurück, und die Zahl war neunzehn.
Der Sammer schob das Lichtbild ein Stück von sich weg, so weit, daß es noch auf dem Tisch lag.
„Der Brandstetter tut so etwas nicht.“
„Das kann ich nicht übersetzen.“
„Warum nicht?“
„Weil das kein Umstand ist“, sagte Prantl. „Das ist eine Meinung. Eine Meinung von Ihnen hilft ihm nicht.“
Der Sammer legte die Hand flach auf den Tisch, neben das Papier.
„Dann sagen Sie ihnen einen Umstand.“
„Welchen?“
„Sein Reisepaß liegt im Gepäcksnetz über Reihe vierzehn. Sein Koffer auch. Das ist im Bus, und der Bus ist gestern Abend in Des Moines gewesen.“
Prantl sagte eine Sekunde lang nichts.
Dann übersetzte er es, und diesmal war es lang, und der mit dem Hut schaute dabei zum ersten Mal an diesem Vormittag nicht auf seinen Zettel, sondern auf den Sammer.
Die Frau schrieb es auf.
*
„Herr Sammer.“
„Ja.“
„Ich fahr jetzt los. Das sind dreihundert Meilen, und ich muß zuerst noch im Labor was abliefern. Vor vier bin ich nicht da.“
„Sie müssen das nicht.“
„Das weiß ich.“
Er hörte, wie Prantl am anderen Ende etwas zuklappte.
„Und noch etwas. Reden Sie mit denen nicht, wenn ich nicht dran bin. Auch wenn sie freundlich sind. Die sind immer freundlich, das ist das Schwierige daran.“
*
Als sie ihm das Telefon aus der Hand nahmen, sagte der mit dem Hut noch etwas und schaute ihn dabei an und hob am Ende die Stimme, so wie man es bei einer Frage tut.
Der Sammer schaute zurück und hielt den Kopf still.
Es war viel schwerer, als er sich vorgestellt hätte.