„You must never, ever turn your wheels to the left in anticipation of the turn you are waiting to make. Never — not ever!“ her father had told her, from her very first driving lesson.
— John Irving, A Widow for One Year
Sie fuhren zwei Stunden, ohne daß einer etwas sagte, und es war keine unangenehme Sache.
Rudl hatte in dreißig Jahren mit vielen Leuten in Fahrzeugen gesessen, mit Lenkern, mit Kehrbezirksleitern, einmal mit einem Kontrollor aus dem Rathaus, und jeder von ihnen hatte geredet. Wenn eine Fahrt lange genug dauert, fängt in Wien jeder zu reden an. Bei Brenda war es umgekehrt. Sie fuhr, und Reden war etwas, das man tut, wenn man etwas zu sagen hat.
Die Sonne kam herunter. Der Kukuruz warf jetzt Schatten quer über die Fahrbahn, und der Impala fuhr durch die Streifen hindurch, hell, dunkel, hell.
Rudl schaute auf die Uhr.
In Wien war es fünf in der Früh. Die Kehrmaschinen waren seit halb vier draußen, in der Zentrale saß der Journaldienst, und um acht kam der Hofrat Wondra und hängte sein Sakko an den Haken hinter der Tür.
Um acht in Wien war es hier ein Uhr in der Nacht.
Er rechnete es zweimal, weil er es beim ersten Mal nicht glauben wollte.
„Haben Sie ein Telefon?“
Brenda griff ins Handschuhfach und gab es ihm, ohne zu fragen, wofür. Es war ein altes, mit Tasten, und an den Ecken war das Plastik blankpoliert.
*
Daß die Auslandsvorwahl in den USA anders ist als sonstwo — 011 und nicht 001 — hatte ihnen die Reiseleiterin am ersten Tag eingebleut, und die Nummer mußte er nicht nachschauen. Er hatte sie dreißig Jahre lang gewählt, von daheim, von der Unterkunft, einmal aus einem Krankenhaus.
Es läutete lange.
„Zentrale.“
Rudl brauchte einen Moment. Es war eine Wiener Stimme, und sie kam aus einem Zimmer, in dem um diese Zeit die Neonröhre über dem Kasten summt und sonst nichts.
„Da ist der Brandstetter.“
„Wer?“
„Der Brandstetter. Rupert. Aus der Sektion.“
„Rudl?“ Eine Pause. „Rudl, es ist fünf in der Früh.“
„Ich weiß.“
„Wo bist denn du?“
„In Illinois.“
Der andere sagte nichts. Im Hintergrund rollte ein Sessel.
„Wo ist das?“
„In Amerika.“
„Daß das in Amerika ist, weiß ich.“ Wieder eine Pause. „Und was ist?“
Rudl meldete es, wie man es meldet. Der Bus ist ohne ihn abgefahren. Der Reisepaß liegt im Gepäcksnetz über Reihe vierzehn, der Koffer ebenso. Die Gruppe ist auf dem Weg nach Des Moines. Er selbst ist wohlauf und befindet sich in einem Kraftfahrzeug auf einer Landstraße westlich der Interstate achtzig.
Das Etui erwähnte er nicht. Nicht aus Berechnung. Es war nicht Sache der Zentrale.
„Rudl“, sagte der andere. „Was soll denn ich machen?“
„Nichts.“
„Ja was rufst du dann an?“
„Damit es wer weiß.“
In Wien war es eine Weile still. Dann sagte der andere, er schreibt es ins Buch, und Rudl sagte, das ist recht, und daß der Wondra um acht kommt, und der andere sagte, ja, um acht.
„Rudl.“
„Ja.“
„Geh, pass auf dich auf.“
Rudl legte auf und ließ das Telefon auf den Knien liegen.
Draußen war es fast dunkel, und in der Windschutzscheibe stand sein eigenes Gesicht, doppelt und schief, mit dem Schnauzbart und dem offenen Kragen. Er machte den Mund ein Stück auf und wieder zu.
Zwei Kronen oben links, eine davon seit dem Zweiundneunziger. Der Rest so, wie er gewachsen war.
„Was kostet so ein Gespräch?“
„Das weiß ich nicht.“
„Nach Wien ist es nicht billig.“
Brenda schaute auf die Straße. „Dann ist es nicht billig.“
„Ich zahl es Ihnen zurück. Ich brauch nur die Rechnung.“
„Die kommt in einem Monat.“
„Dann in einem Monat.“
Darauf sagte sie nichts mehr.
Der Omnibus war um diese Zeit vierhundert Meilen voraus. Das hatte er sich am Vormittag ausgerechnet, hinter dem Silo, und seither nicht mehr nachgerechnet.
Er nahm das Wechselgeld von der Zapfstelle aus der linken Sakkotasche, zählte es und legte es ins Handschuhfach, unter das Heft. Sechzig Dollar.
Brenda sah es und ließ es liegen.
*
„Wohin fahren wir?“, fragte er.
„Nach Kalona. Am Samstag ist dort Versteigerung.“
„Was versteigern s‘ denn?“
„Was übrig ist.“ Sie schaute in den Spiegel und wieder nach vorn. „Wenn einer aufhört, kommt alles auf den Hof, und dann geht man hin und schaut.“
Rudl kannte das. Beim Sperrmüll war es dasselbe, nur zahlte dort keiner, und schauen ging auch keiner.
*
Nach ein paar Meilen wurde Brenda langsamer und setzte den Blinker.
Links ging ein Weg ab, zwischen zwei Feldern hindurch, ohne Schild. Sie blieb stehen, mitten auf ihrer Spur, und wartete. Entgegen kam ein Wagen, dann noch zwei, dann eine Lücke, die nicht groß genug war, dann wieder einer.
Rudl schaute auf das Lenkrad.
Es stand gerade. Die Hände lagen, wo sie den ganzen Nachmittag gelegen waren, die linke auf zehn, die rechte auf zwei.
Er hatte lang genug mit Fahrzeugen zu tun gehabt, um zu wissen, wie man vor einer Linkskurve steht, und man steht eingeschlagen. Vorbereitet, damit es geht, wenn es geht. Jeder in Wien schlägt ein.
Hinter ihnen kam ein Wagen heran, wurde langsamer und blieb stehen. Die Scheinwerfer gingen an.
„Warum schlagen S‘ nicht ein?“
„Weil man das nicht tut.“ Brenda schaute nicht herüber. „Nie. Auch nicht, wenn keiner hinter euch steht. Auch nicht auf einem Hof.“
„Und warum nicht?“
„Wenn der hinter euch nicht bremst und die Räder stehen schief, dann schiebt er euch da hinüber.“ Sie hob den Zeigefinger von der Lenkradkante und deutete nach links, auf die Spur mit dem Gegenverkehr. „Stehen sie gerade, schiebt er euch nach vorn.“
Es kam noch einer, und Brenda ließ ihn durch.
„Wer hat Ihnen das beigebracht?“
„Die, zu der wir fahren.“
Die Lücke kam, sie schlug ein und bog ab, und der Wagen hinter ihnen fuhr geradeaus weiter.
*
Der Weg war geschottert und lief schnurgerade zwischen den Feldern durch.
Kurz vor sieben kamen sie durch eine Ansiedlung, bestehend aus vier Häusern und einem Getreidesilo. Das Silo war in Betrieb und frisch gestrichen.
Rudls Augen hingen an dem Silo, bis es hinter ihnen lag.
„Und die weiß, daß ich mitkomme?“
„Nein.“
„Und?“
„Sie wird es sehen.“