Zahnweiß (5): Reihe vierzehn

Der Koffer lag oben im Netz, und der Sammer saß darunter.

Er hatte ihn dreimal angeschaut zwischen dem Silo und der Landesgrenze, und beim dritten Mal war ihm klar, daß ihn niemand mehr herunternehmen würde.

Vorne hatte der Fahrer etwas gefragt, in dieses Mikrofon hinein, das über der Windschutzscheibe hängt, und der Sammer hatte genickt. Er nickte immer. Man nickt, wenn man nicht versteht, und in siebenundsiebzig Jahren ist er damit gut gefahren. Es ist meistens richtig gewesen.

Diesmal war es nicht richtig gewesen.

Beim Halt in Illinois ging er nach vorne und sagte es der Reiseleiterin. Sie war fünfundzwanzig und hörte ihm zu, wie man einem alten Mann zuhört, mit dem Kopf ein bißchen schief.

„Das Hotel ist in Des Moines gebucht, Herr Sammer. Wir können nicht umdrehen.“

„Er kann kein Englisch.“

„Er wird anrufen. Das Büro in Wien regelt das.“

„Und wenn er nicht anruft?“

„Herr Sammer.“ Sie legte ihm die Hand auf den Arm. „Setzen Sie sich wieder hin.“

Der Sammer nickte.

Dann stieg er aus.

*

Es dauerte eine Weile, bis er auf der anderen Seite war. Zuerst über die Auffahrt hinunter, dann an einem Drahtzaun entlang, dann unter der Fahrbahn durch, wo es nach kaltem Beton roch und wo die Lastwagen über ihm so laut waren, daß er sie zum ersten Mal an diesem Tag richtig hörte.

Auf der Ostseite gab es dieselbe Zapfstelle noch einmal, in derselben Farbe. Der Sammer stellte sich neben die Tür, wo die Fahrer herauskommen, und hielt den Prospekt in beiden Händen.

Er fragte vier. Beim fünften funktionierte es, und zwar so, daß er nichts sagen mußte.

Er schlug den Reiseplan auf, hielt ihn hoch und legte den Finger auf die Zeile darüber.

Der Fahrer schaute darauf, dann auf den Sammer, dann wieder auf das Papier. Dann nickte er.

Es war ein schwerer Mann mit einem grauen Zopf und einer Brille an einem Band. Als er nickte, sah man seine Zähne. Sie waren braun vom Kaffee, und seitlich oben fehlte einer.

Der Wagen gehörte ihm selber. Das sagte er zweimal, mit dem Daumen auf die Brust, und der Sammer verstand es beide Male nicht, nickte aber, weil es freundlich klang.

*

Im Führerhaus roch es nach Kaffee und nach dem Papierbäumchen am Spiegel.

Unter dem Armaturenbrett war ein Gerät, aus dem es rauschte. Ab und zu kam etwas aus dem Rauschen heraus, das nach einer Stimme klang, und dann antwortete der Fahrer hinein und lachte.

Der Sammer verstand von dem Gerät kein Wort. Er verstand den Fahrer ganz gut, wenn der ihn dabei ansah, aber aus dem Kasten kam nur ein Schaben, und dagegen half auch das Hörgerät nichts. Er stellte es einmal lauter und dann wieder leiser.

Der Fahrer erzählte ihm etwas dazu, mit dem Kopf zur Seite. Es ging um einen blauen Wagen und um einen Mann von der Regierung, so viel las der Sammer aus den Händen des Fahrers. Was ein blauer Wagen mit ihm zu tun haben sollte, wußte er nicht.

Er nickte.

*

Draußen zogen die Felder vorbei, links und rechts dasselbe, hoch und schon am Umfärben.

„Türken“, sagte der Sammer und zeigte hinaus.

Der Fahrer schaute hin und sagte ein Wort, das nicht so klang, und dann schauten beide wieder nach vorne, jeder mit seinem Wort für dieselbe Sache.

Die Sonne stand jetzt hinter ihnen. Der Schatten des Lastwagens lief ihnen voraus auf der Fahrbahn, lang und schief, und wurde mit jeder Meile länger.