Zahnweiß (4): Der Hunderter

Der dunkle Punkt im Spiegel wurde kleiner, und irgendwann war er nicht mehr da.

Rudl brauchte eine Weile, bis ihm aufging, daß ihm das nicht gefiel. Solange einer hinter dir herfährt, weißt du, wo er ist. Rudl hätte den Pickup lieber die ganze Strecke im Spiegel gehabt.

„Er muß uns nicht sehen“, sagte Brenda. „Er hat den Lastwagenfahrern gesagt, wie wir ausschauen.“

Sie fuhr mit beiden Händen am Lenkrad, die linke auf zehn, die rechte auf zwei, wie man es einmal gelernt hat und dann nie mehr ändert.

Die Fahrbahn ging über eine Brücke, unter der ein Fluß lag, der aussah wie ein Feldweg mit Wasser drauf, und dahinter stand noch einmal Kukuruz. Rudl hatte inzwischen den Eindruck, daß es in diesem Land nur ein einziges Feld gibt und daß man den ganzen Tag daran entlangfährt.

Von dem, was sie vorhin gesagt hatte, redete keiner mehr. Dann hast du es dir selber gegeben. Es lag im Wagen wie ein Gegenstand, den man nicht wegräumen kann, weil er niemandem gehört.

Vor ihnen zog ein Sattelzug mit einem Aufbau aus Alugittern nach links. Als sie danebenkamen, schlug ihnen der Geruch entgegen, obwohl die Fenster zu waren.

Schweine. Zwei Etagen hoch, dicht an dicht, seit dem Vormittag in der Sonne.

Rudl drehte den Kopf nicht weg. Er kannte das. Am Mistplatz in der Kendlerstraße roch im August die Biotonne genauso, wenn sie zwei Tage in der Sonne gestanden war, und man gewöhnt sich in dreißig Jahren an vieles, aber man vergißt nichts davon. Sein Vorgänger hat immer gesagt, den Geruch bringst du aus dem Sakko nicht mehr heraus, du bringst ihn aus dem Kopf nicht mehr heraus.

„Sie fahren sie zwölf Stunden“, sagte Brenda. „Manche kommen nicht an.“

„Und die?“

„Die kommen trotzdem mit.“

Sie zog vorbei und ließ den Sattelzug hinter sich, und der Geruch blieb noch eine halbe Meile im Wagen.

*

Die Tankuhr stand auf einem Viertel. Brenda hatte sie zweimal angeschaut und nichts dazu gesagt, was Rudl inzwischen als ihre Art verstand, etwas anzukündigen.

Sie fuhr bei einer Ausfahrt hinunter, an der drei Schilder auf Masten standen, so hoch, daß man sie von weit her sieht, und alle drei kündigten dasselbe an, nur in anderen Farben.

Die Zapfstelle hatte acht Säulen unter einem Blechdach und daneben ein Gebäude, in dem es alles gab, was ein Mensch braucht, wenn er nichts braucht. Brenda stellte den Impala an die vierte Säule und stieg aus.

Rudl stieg auch aus, weil man aussteigt.

Die Hitze stand unter dem Dach und ging nicht weg. An der Säule klebte auf Brusthöhe ein Papierstreifen unter Folie, ausgebleicht, mit einem Wappen darauf und einer Nummer und einem Datum. Geprüft im April. Rudl drehte ihn nicht zu sich, weil er ohnehin schon zu ihm zeigte, aber er las ihn.

Das war die zweite Zahl an diesem Tag, auf die Verlaß war.

Brenda nahm den Zapfhahn heraus und hängte ihn wieder ein.

„Man muß zuerst hineingehen und zahlen“, sagte sie. „Wenn man kein Kärtchen hat.“

„Wie viel?“

„Bei mir vierzig. Dann ist er voll.“

Rudl griff in die Sakkotasche.

Er nahm das Etui heraus und klappte es auf, und dabei kam ihm der Gedanke, daß er es zum ersten Mal nicht tat, um hineinzuschauen. Bis jetzt war es ein Fundgegenstand, den er bei sich getragen hatte. Jetzt war es Geld, mit dem etwas bezahlt werden sollte.

Er zog einen Hunderter unter dem Gummiring heraus. Der oberste, der Eselsohren hatte und dabei ein bißchen von dem Gummiring eingerissen wurde.

Brenda schaute ihn an. Nicht vorwurfsvoll — sie schaute ihn an wie einen Zaun, den einer gerade aufmacht.

„Ich hab keine anderen“, sagte Rudl.

„Das weiß ich.“

*

Hinter der Kasse stand ein Mann von vielleicht sechzig, mit einem Hemd, auf dem sein Name gestickt war, und einem Bauch, der über den Gürtel hing wie ein Sackerl Mehl. Er nahm den Hunderter, hielt ihn gegen das Licht, fuhr mit einem gelben Stift darüber und schaute, ob der Strich braun wird.

Der Strich wurde nicht braun.

Der Mann lächelte und sagte etwas, das Rudl nicht verstand, und in dem Lächeln standen oben zehn Zähne, alle gleich lang und alle gleich weiß.

Rudl schaute auf das Wechselgeld, das über die Platte kam. Drei Zwanziger, ein Zehner, ein Fünfer, fünf Einser. Er zählte es, weil man Wechselgeld zählt, und legte es in die linke Sakkotasche, nicht in das Etui. Das Etui war der Fundgegenstand. Was herauskam, gehörte nicht hinein.

Draußen, auf der schattigen Seite des Gebäudes, stand ein Pickup mit einer Kette im Ladebett, und an der Kette war ein Hund. Ein brauner, alter, mit einem grauen Maul. Er lag auf dem heißen Blech und schaute Rudl an und stand nicht auf.

Rudl blieb stehen.

Er hatte den Purzl zwei Winter lang dreimal am Tag in einer Umhängetasche in den Hof getragen und wieder herauf, weil der hinten nichts mehr gespürt hat. Und jetzt stand er neben einer Zapfstelle in Illinois und schaute auf einen fremden Hund, der ihn nichts anging.

Dann ging Rudl weiter. Was hätte er tun sollen.

*

Im Wagen schaute er sich um, bis er etwas zum Schreiben fand. Im Handschuhfach lag ein Heft, in dem Brenda Kilometerstände notierte, ordentlich, in Spalten, mit Datum. Der Kugelschreiber steckte in der Spirale.

„Darf ich?“

Sie nickte.

Er riß nichts heraus. Er schrieb auf die letzte Seite, unten, in Blockschrift:

ENTNAHME AUS FUNDGEGENSTAND: 100,— USD
ZWECK: TREIBSTOFF, ZAPFSTELLE I-80 ILLINOIS
RÜCKGABE IN BAR: 60,— USD IN DER TASCHE
ZEIT: 16.05 ORTSZEIT

Dann setzte er das Datum daneben und den Namen darunter und machte einen Strich unter das Ganze.

Vierzig Dollar von einem, den er nicht kannte. Er würde es zurückgeben, sobald er wußte, wem.

Brenda ließ ihn schreiben und schaute dabei nach vorne.

„Bei uns“, sagte sie, als er den Stift zurücksteckte, „gibt es dafür kein Papier. Bei uns geht man hin und sagt es.“

„Und wenn der nicht da ist?“

„Dann sagt man es der Gemeinde.“

Rudl klappte das Heft zu.

„Bei uns ist die Gemeinde das Papier.“

*

Sie fuhren wieder hinauf auf die Fahrbahn, und die Sonne stand jetzt so, daß sie ihnen genau ins Gesicht schien, und Brenda zog die Blende herunter, und Rudl kniff die Augen zusammen und schaute in den Seitenspiegel.

Da war nichts. Nur Fahrbahn und Kukuruz und die Hitze, die über dem Asphalt zitterte.

Eine Meile weiter kam eine Tafel, und auf der Tafel war ein Mund, doppelt so groß wie der Impala. Über dem Mund standen gelbe Buchstaben.

Rudl starrte auf die Tafel, bis sie vorbei war.

„Was steht da?“, fragte er.

„Daß die Zähne in einer einzigen Sitzung acht Schattierungen heller werden.“

„Heller als was?“