Zahnweiß (18): Was er nicht verstanden hat

Der Block war liniert und hatte oben einen Firmennamen aufgedruckt, denselben wie auf den Kassetten im Regal.

Der Sammer schaute ihn eine Weile an. Dann schrieb er die Überschrift.

*

Er schrieb langsam, weil er anders nicht mehr schreiben konnte. Der Zeigefinger war seit dem Winter steif, und der Kugelschreiber lag darum ein Stück weiter hinten in der Hand, als er sollte.

Auf der ersten Seite brachte er neun Zeilen unter.

Er fing beim Donnerstag an, in der Früh, bei der Abfahrt in Chicago. Er schrieb, wer neben ihm gesessen ist und in welcher Reihe. Er schrieb die Uhrzeit vom Tankstopp hin, so gut er sie noch wußte, und daß der Brandstetter über den Platz gegangen und ins Gasthaus hinein ist.

Bei dem, was er nicht wußte, ließ er Platz.

*

Prantl arbeitete hinten und schaute nicht her.

Zweimal stand er auf und ging zu einem Gerät, das kurz surrte, und einmal telefonierte er, auf Englisch, ziemlich freundlich und ziemlich kurz.

Der Sammer schrieb weiter.

*

Bei der Reiseleiterin blieb er hängen.

Er hatte ihr gesagt, daß einer fehlt. Sie hatte gesagt, das Hotel ist gebucht. Das war beides richtig, und wenn er nur das hinschrieb, dann stand dort, daß sie schuld ist, und das stimmte nicht.

Also schrieb er auch hin, daß er nicht laut geworden ist. Daß er es einmal gesagt und dann nicht mehr wiederholt hat.

Man kann nicht nur das aufschreiben, was den anderen belastet.

*

Auf der zweiten Seite kam der Lastwagen.

Er schrieb den grauen Zopf hin und die Brille, die der Mann an einer Kordel um den Hals trug, und daß ihm der Wagen selber gehört hat, weil er es zweimal gesagt hatte. Er schrieb, daß im Führerhaus ein Gerät war, aus dem es gerauscht hat, und daß er davon kein Wort verstanden hat.

Dann hielt er an.

Er überlegte, ob so etwas hineingehört. Was man nicht versteht, ist keine Aussage.

Dann schrieb er es doch hin, weil Platz war.

*

Um vier kam Prantl nach vorne, wischte sich die Hände an einem Tuch ab und setzte sich auf die Kante des Nachbartisches.

„Wie weit sind S‘?“

„Bis Donnerstag am Abend.“

„Darf ich?“

Der Sammer schob ihm den Block hin.

*

Prantl las von oben weg, mit dem Finger, so wie einer liest, der Rechnungen prüft.

Bei der ersten Seite sagte er nichts. In der Mitte der zweiten hörte er auf, mit dem Finger mitzugehen.

Dann las er die Stelle noch einmal.

„Was hat der Fahrer da gesagt?“

„Welcher?“

„Der mit dem Zopf. Bei dem Gerät.“ Prantl drehte den Block um und hielt ihn ihm hin. „Da steht, er hat Ihnen was erzählt und Sie haben es nicht verstanden.“

„Hab ich nicht.“

„Aber etwas haben S‘ verstanden, sonst hätten S‘ es nicht aufgeschrieben.“

Der Sammer schaute auf seine eigene Schrift.

Der Sammer legte die Hände auf den Tisch und machte es nach: ein Lenkrad, ein Zeigen nach hinten, zweimal auf die Tischplatte getippt.

„So hat er es gemacht“, sagte er. „Mehr hab ich nicht.“

Prantl schaute darauf.

„Das ist genug“, sagte er. „Ein Wagen, in die Richtung, aus der Sie gekommen sind, und alles davon aus dem Gerät.“

*

Prantl legte den Block auf den Tisch.

„Das Gerät heißt CB. Das haben die Lastwagenfahrer, damit sie einander etwas sagen können, ohne daß es wer aufschreibt.“

„Und?“

„Und wenn einer durchgibt, wie ein Wagen ausschaut und wer drinsitzt, dann sucht er ihn. Das hören alle, die auf demselben Kanal sind.“

„Und wen?“

„Das weiß ich nicht.“ Prantl schaute auf den Block. „Ich weiß nur, daß am Donnerstagnachmittag auf der Achtzig einer gesucht worden ist. Das kann ein ganz anderer gewesen sein.“

Er sagte es so, wie einer etwas sagt, das er selber nicht glaubt.

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Der Sammer sagte eine Weile nichts.

Dann sagte er: „Ich hab genickt.“

„Das haben S‘ mir schon erzählt.“

„Nein.“ Der Sammer schaute auf. „Bei dem hab ich auch genickt. Wie er es mir erzählt hat. Er hat sich zu mir hergedreht, und ich hab genickt, weil es freundlich geklungen hat.“

*

Prantl nahm den Kugelschreiber, drehte den Block wieder zu sich und machte einen Strich unter die letzte Zeile.

„Schreiben S‘ es noch einmal auf“, sagte er. „Von dem Gerät an. Alles, was Sie gesehen haben, wie er geredet hat. Wohin er geschaut hat. Ob er gelacht hat.“

„Ich hab kein Wort verstanden.“

„Das ist mir gleich.“ Prantl schob ihm den Block hin. „Noch einmal, bitte. Und langsam.“