Als Rudl aufwachte, fehlte etwas, und er brauchte eine Weile, bis er darauf kam, was.
Kein Traktor. Kein Wagen auf dem Feldweg. Von der Achtzig her, drei Meilen weit, das gleichmäßige Geräusch, das er inzwischen nicht mehr hörte, wenn er nicht hinhörte.
Sonst nichts.
*
In der Küche stand ein Krug mit Wasser und daneben eine Schüssel, und über der Sessellehne lag ein Handtuch, das dort am Abend nicht gelegen war.
Auf dem Handtuch lag ein Rasierer. Nicht neu, aber sauber, mit einem Griff aus Holz.
Rudl schaute ihn an und dann zur Stiege hinauf. Oben ging niemand.
Er trug es in zwei Gängen hinauf in das Zimmer, in dem er geschlafen hatte, weil er nicht wußte, ob man das in der Küche tut.
*
Auf der Kommode stand ein kleiner Spiegel in einem Holzrahmen. Rudl drehte ihn zur Wand.
Dann rasierte er sich. Das Wasser war kalt, und er brauchte länger als daheim, weil der Rasierer schwerer war als seiner.
Zweimal schnitt er sich. Beide Male oben, wo der Schnurrbart aufhört.
Dann zog er das Hemd an.
Es paßte. Es paßte sogar gut, am Hals und an den Schultern, und die Ärmel waren um einen halben Zentimeter zu lang, was er von seinen eigenen Hemden gar nicht anders kannte.
Er stand eine Weile in dem Zimmer und wußte nicht, was er mit sich anfangen sollte.
*
Um acht ging die Lydia weg.
Sie hatte ein anderes Kleid an, schwarz, und eine Haube, die frischer war als die von gestern, und sie trug ein Buch unter dem Arm. Draußen spannte sie das Pferd ein, allein und ohne Eile, und dann fuhr der Buggy den Feldweg hinunter, und man hörte ihn noch, als man ihn nicht mehr sah.
Brenda stand am Fenster und schaute zu.
Sie hatte kein anderes Kleid an.
*
„Fahren Sie nicht mit?“
„Nein.“
Sie sagte es, wie sie alles sagte. Dann drehte sie sich um und räumte die zwei Häferl weg, aus denen sie getrunken hatten, und stellte sie umgedreht auf ein Tuch.
Rudl blieb am Fenster stehen und schaute in den Hof hinaus.
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An der Scheune hing das Tor schief.
Er sah es von drinnen und ging dann hinaus und schaute es sich an, weil er nicht anders konnte. Das obere Band war ausgerissen, nicht gebrochen, sondern die Schrauben hatten sich im Holz herausgearbeitet, so wie es Schrauben in altem Holz machen, wenn sich dreißig Jahre lang zweimal am Tag jemand dranhängt.
Vier Schrauben, zwei Nummern größer, und das Ding hängt wieder gerade. Eine halbe Stunde, mit Suchen.
Rudl stand davor und rechnete es aus und tat nichts.
*
Um zehn ging er den Feldweg hinunter, weil ihm nichts Besseres einfiel.
Er ging bis zur Straße und dann noch ein Stück und drehte um, als das Haus hinter ihm klein geworden war. Auf dem Rückweg zählte er die Zaunsteher. Zweiundsiebzig bis zum Tor, und bei elf davon war das Holz unten weich.
Gefragt hat ihn danach niemand.
*
Später saß er auf der Veranda, weil es dort Schatten gab.
Am Mistplatz in der Kendlerstraße war am Sonntag auch niemand, aber dort war Sonntag eine Lücke zwischen zwei Arbeitstagen, in der die Behälter voll wurden. Hier war er keine Lücke. Hier war der Sonntag das, worauf die anderen Tage zulaufen.
Er hatte das schon einmal gehört, im Fernsehen, und es damals für eine Redensart gehalten.
Brenda kam heraus und setzte sich auf die zweite Stufe, ein Stück weiter weg, als man sich hinsetzt, wenn man reden will.
Sie sagten eine Stunde lang nichts.
*
„Und das bleibt jetzt so?“, fragte Rudl irgendwann.
Brenda schaute in den Hof.
„Solang ich das Auto hab.“
„Und wenn Sie es hergeben?“
„Dann steh ich am nächsten Sonntag vor der Gemeinde und sag, daß es mir leid tut.“ Sie strich sich den Rock über die Knie. „Dann ist es aus.“
Rudl rechnete es sich aus, wie er alles ausrechnete: ein Auto gegen den Tisch bei der eigenen Schwester.
„Und tut es Ihnen nicht leid?“
Sie brauchte so lang, daß er schon glaubte, sie hätte es überhört.
„Es tut mir leid, daß es sie kränkt“, sagte sie. „Das ist nicht dasselbe.“
*
Um zwei kam der Buggy zurück.
Die Lydia hatte etwas mitgebracht, in einem Tuch, und eine halbe Stunde später stand das Essen auf dem Tisch.
Sie deckte für zwei.
*
Rudl schaute auf die zwei Teller.
Dann nahm Brenda sich einen dritten aus dem Kasten, füllte ihn an der Anrichte und ging damit hinaus auf die Stufen, und die Lydia sagte nichts dazu und setzte sich hin.
Am Donnerstag war Brenda mit am Tisch gesessen. Sie hatte mitgebetet und mitgegessen und den Löffel hingelegt, als die Lydia etwas gesagt hatte.
Rudl rechnete nach, was seither anders geworden war, und kam auf eine einzige Sache.
Die Lydia war heute in der Versammlung gewesen.
Er blieb sitzen und aß, weil ein Gast ißt, was man ihm hinstellt. Durch das Fenster sah man den Rücken von Brenda und den Teller auf ihren Knien.
Zweiundsiebzig Zaunsteher, elf davon weich. Ein Tor, das mit vier Schrauben gerade hängt.
Und ein Tisch, an dem ein Platz fehlt. Der ist mit vier Schrauben nicht zu richten.
*
Gegen Abend ging er noch einmal in das Zimmer hinauf.
Der Spiegel stand noch so, wie er ihn in der Früh hingedreht hatte.
Rudl drehte ihn um und stellte sich davor.
Er war rasiert, und der Schnurrbart stand wieder allein da, so wie er soll. Das Hemd war blau und stand ihm. Der Kragen war heller als der Rest, und man sah es nur, wenn man es wußte.
Er machte den Mund ein Stück auf.
Zwei Kronen oben links, eine davon seit dem Zweiundneunziger. Der Rest so, wie er gewachsen war, und einer davon unten vorne ein bißchen schief, seit er ein Bub gewesen ist.
*
Dann nahm er das Etui und klappte es auf und zog die Kassette heraus.
Er hielt sie neben sein Gesicht, in das Licht, das vom Fenster kam, so wie man etwas anhält, um zu vergleichen.
Der Zahn auf dem Stiel ließ sich drehen. Rudl drehte ihn, bis er im Spiegel so stand wie seiner daneben.
Es paßte keiner. Nicht der erste und nicht der letzte und keiner von denen dazwischen.
Er steckte sie zurück und machte beide Knöpfe zu.