Zahnweiß (20): Die Nummer eins

Am Sonntag hing an der Türschnalle ein Hemd.

Es war frisch gebügelt, und es war zwei Nummern zu groß. Der Sammer zog es trotzdem an und schlug die Ärmel um, zweimal. Es schaute aus, als hätte er sich etwas ausgeborgt, was auch stimmte.

Carol war um neun in die Kirche gefahren. Prantl saß in der Küche und las etwas auf Englisch und schob es weg, als der Sammer hereinkam.

*

„Kommen S'“, sagte er nach dem zweiten Häferl. „Ich zeig Ihnen was.“

Es war ein Zimmer neben der Garage, klein, mit einem Schreibtisch und zwei Sesseln und einem Kasten mit Ordnern.

An der Wand hing ein Wappen, gerahmt, mit dem Adler.

„Das ist das Konsulat“, sagte Prantl.

Der Sammer schaute sich um. Es war ungefähr so groß wie sein Vorzimmer daheim in Villach.

In der Ecke standen zwei Fahnen auf Ständern, beide aufgerollt und mit einem Band gehalten. Die eine war rot und weiß und rot. Die andere war blau, und der Sammer kam nicht gleich darauf, was das für eine ist.

„Europa“, sagte Prantl. „Die muß dazu. Das ist vorgeschrieben.“

„Und da kommen die Leute her?“

„Neunzehn im Jahr.“ Prantl deutete auf den Kasten mit den Ordnern. „Wer in Österreich eine Pension hat und da heraußen wohnt, muß einmal im Jahr nachweisen, daß es ihn noch gibt. Sonst wird nicht überwiesen.“

„Und das schicken S‘ ihnen?“

„Das geht nicht mit der Post. Da muß er dastehen.“

Der Sammer schaute den Kasten an.

„Und wie weisen S‘ das nach?“

„Ich schau ihn an“, sagte Prantl.

„Und das genügt?“

„Das genügt.“ Prantl schaute den Kasten an. „Einer fährt mir dafür jedes Jahr von Scottsbluff herüber. Vierhundert Meilen. Er bleibt eine Viertelstunde, kriegt einen Kaffee und fährt wieder heim.“

*

Leute anschauen und wissen, was mit ihnen ist — damit hat der Sammer sein Leben verbracht.

Vierzig Jahre im Werzer in Pörtschach, im Sommer Deutsche, im Winter kaum wer. Man lernt dort, was einer will, bevor er es sagt, und man lernt, daß man das nie zeigen darf. Wer die Speisekarte zumacht, ist soweit. Wer zweimal auf die Uhr schaut, kriegt die Rechnung, ohne daß er fragt. Wenn zwei sich anschauen und nicht reden, bringt man gar nichts und geht wieder.

In vierzig Jahren hat er zweimal ein Trinkgeld zurückgegeben.

*

In den Achtzigern hat es im Sommer Hypnoseshows gegeben, draußen beim Bootshaus, zweimal in der Woche.

Einer im Smoking hat Freiwillige aus dem Publikum geholt, hat sie steif gemacht und zwischen zwei Sessel gelegt, den Kopf auf den einen und die Fersen auf den anderen. Die Sessel sind dabei auf den Holzplanken gestanden. Bei manchen ist er dann selber hinaufgestiegen.

Der Sammer hat dabei serviert. Man serviert weiter, das ist keine Frage.

Er hat sich kein einziges Mal gemeldet.

*

Und er hat im Stehen gearbeitet, jeden Tag, von halb zwölf bis um zwei in der Nacht.

Seit Donnerstag saß er.

*

Auf dem Schreibtisch lag ein Blatt, das dort schon länger lag; man sah es am Staub daneben.

Prantl nahm es auf und legte es wieder hin, so wie einer etwas aufnimmt, das er schon oft aufgenommen hat.

„Können S‘ eh nicht lesen. Ist Englisch.“

„Was steht denn drauf?“

„Daß mein Antrag nicht weitergeht, solang der Dean nicht unterschreibt.“

„Der was?“

„Der Dean.“ Prantl legte das Blatt hin. „Bei uns würde man Doyen sagen. Der Dienstälteste von den Konsuln in der Stadt. Der führt die Liste.“

„Und was ist der von Beruf?“

„Honorarkonsul von Finnland.“

*

Der Sammer dachte darüber nach.

„Und der mag Sie nicht?“

„Der kennt mich kaum.“ Prantl setzte sich auf die Schreibtischkante, so wie tags zuvor im Labor. „Vor mir war ein anderer da, fünfundzwanzig Jahre lang, bis er gestorben ist. Der war mit dem Finnen befreundet. Die haben zusammen gefischt.“

„Und?“

„Und der hat die Nummer eins gehabt.“

Er sagte es, wie man eine Zahl sagt, und schaute dabei auf das Blatt.

„Eins?“

„Auf der Autonummer. Wenn zwölf Konsuln in einer Stadt sind, kriegt jeder eine Zahl, nach dem Dienstalter. Der Dienstälteste die eins — und der Dienstälteste ist der Dean.“

„Und der hat sie nicht gehabt?“

„Nein. Die hat mein Vorgänger gehabt.“

Der Sammer überlegte das.

„Und wie geht das?“

„Das hab ich auch gefragt. Sagen tut es keiner.“ Prantl zuckte mit einer Schulter. „Es heißt, er hat reich geheiratet. Zwanzig Jahre später hat sie sich scheiden lassen. Die eins hat er behalten.“

*

„Und seit er tot ist?“

„Seit er tot ist, hat der Dean keine einzige mehr unterschrieben. Für niemanden. Vier Jahre lang für keinen einzigen.“

*

Der Sammer schaute auf das Blatt, das er nicht lesen konnte.

„Und das wegen einer Zahl?“

„Das frag ich mich seit vier Jahren“, sagte Prantl.

*

Draußen fuhr ein Wagen vorbei und wurde wieder leiser.

„Ich schreib hin, sie schreiben zurück, es fehlt die Zustimmung. Ich ruf an, er ist nicht da. Einmal im Jahr sitzen wir beim selben Essen an zwei verschiedenen Tischen.“

„Und das Amt kann nichts machen?“

„Das Amt sagt, das machen die Konsuln unter sich.“

„Und die Konsuln?“

„Die sagen, das macht das Amt.“

*

Der Sammer schaute auf die Fahne, um die das Band lag.

„Und was ist anders, wenn Sie die Tafel haben?“

Prantl schaute ihn an.

„Nichts“, sagte er dann. „Man darf damit nicht schneller fahren, und stehen darf man auch nirgends, wo man sonst nicht stehen darf. Es ist ein Blech mit einer Zahl.“

„Und warum wollen S‘ es dann?“

*

Prantl antwortete nicht.

Er nahm das Blatt wieder auf, legte es an die Kante des Schreibtischs und schob es gerade, so daß es parallel zur Kante lag.

Der Sammer wartete. Er war siebenundsiebzig und hatte gelernt, daß man bei einer Frage, die niemand beantwortet, nicht nachfragt, sondern sitzenbleibt.

Nach einer Weile sagte er:

„Sie haben am Freitag zu mir gesagt, ohne Adresse ist einer nur eine Person.“

Prantl schob das Blatt noch ein Stück.

„Das hab ich gesagt“, sagte er.