Das Zimmer hatte einen Tisch, zwei Sessel und ein Fenster mit Drahtglas, hinter dem nichts war als eine Mauer.
Sie ließen ihn eine Stunde allein. Rudl saß und schaute auf seine Uhr, die noch nach Wien ging, und rechnete aus, daß der Hofrat Wondra jetzt schon zu Mittag gegessen hatte.
Dann kamen zwei herein, ein Mann und eine Frau, und die Frau trug einen Stoß Formulare unter dem Arm.
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Sie legten alles auf den Tisch.
Das Sakko. Das Wechselgeld aus der linken Tasche. Ein Päckchen Zigaretten, in dem vier waren. Ein Feuerzeug. Der Kugelschreiber aus dem Diner, den er noch immer hatte. Die Uhr.
Und das Etui.
Rudl schaute zu, wie es auf die Tischplatte kam, mit der abgegriffenen Kante nach oben, und dachte, daß es zum ersten Mal seit Donnerstag auf einem Tisch liegt, wo es hingehört.
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Die Frau fotografierte jeden Gegenstand einzeln.
Sie legte ihn hin, schob ein Kärtchen mit einer Nummer daneben, machte die Aufnahme und schrieb etwas auf. Dann kam der nächste.
Rudl kannte das. So macht man das. Er hatte es dreißig Jahre lang nicht mit einer Kamera gemacht, sondern mit einem Kugelschreiber, aber das Verfahren war dasselbe, und er sah ihr zu wie einer, der eine Prüfung abnimmt.
Sie machte es ordentlich.
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Dann klappte sie das Etui auf.
Der Mann sagte etwas, und es war das erste Mal an diesem Tag, daß einer von ihnen die Stimme veränderte.
Die Frau nahm die Scheine heraus und legte sie hin, und dann legte sie sie noch einmal anders hin, in Reihen zu zehn. Der Mann ging hinaus und kam mit einem dritten zurück.
Sie redeten über ihn hinweg. Rudl verstand zwei Wörter, und beide waren Zahlen.
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Er stand auf.
Alle drei schauten her, und der Mann hob die Hand und drückte sie nach unten.
Rudl blieb stehen, zeigte auf das Geld und dann auf sich und zählte mit Daumen und Zeigefinger in der Luft.
Der Mann schüttelte den Kopf.
Rudl machte sie noch einmal, langsamer.
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Die Frau sagte etwas zu dem Mann, ziemlich kurz, und dann schob sie Rudl den Stapel über den Tisch, keinen halben Meter, so daß er ihn erreichen konnte, ohne sich vorzubeugen.
Rudl setzte sich hin und zählte.
Er zählte, wie man vor Zeugen zählt, mit dem Daumen, einen nach dem anderen auf den Tisch, und bei jedem zehnten legte er den nächsten quer. Es dauerte über vier Minuten. Niemand redete dazwischen.
Hundertsechsundzwanzig.
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Er schaute auf und sagte die Zahl auf deutsch, und weil das nichts nützte, schrieb er sie mit dem Kugelschreiber aus dem Diner auf den Rand von einem der Formulare.
126.
Die Frau schaute darauf, dann in ihre Liste, dann nickte sie und schrieb es hinein.
Es war das erste Mal seit Donnerstag, daß jemand etwas aufschrieb, was er gesagt hatte.
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Bei dem doppelten Boden brauchten sie länger.
Der Mann fand die Klappe erst beim zweiten Durchgehen und zog daran, und als die Kassette herauskam, drehte er sie um und hielt sie schief ins Licht, so wie Rudl sie am Freitagabend gehalten hatte.
Er las den Zettel am Griff vor. Rudl verstand nur das eine Wort.
Omaha.
Der dritte Mann schrieb es auf.
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Am Schluß schob ihm die Frau ein Blatt hin und hielt ihm den eigenen Kugelschreiber hin, obwohl der aus dem Diner danebenlag.
Auf dem Blatt standen Zeilen mit Nummern, und hinter den Nummern stand jeweils etwas auf Englisch.
Rudl konnte es nicht lesen.
Er schaute trotzdem die ganze Liste durch, Zeile für Zeile, und zählte, ob es so viele Zeilen waren, wie Gegenstände auf dem Tisch gelegen sind. Es waren so viele.
Dann unterschrieb er.
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Sie packten alles in Beutel, jeden Gegenstand in einen eigenen, und klebten die Kärtchen mit den Nummern darauf.
Rudl schaute zu, bis das Etui verschwunden war.
Seit Donnerstag hatte er es getragen und dreimal aufgeschrieben, und jetzt lag es in einem Beutel mit einer Nummer, verzeichnet, fotografiert und quittiert, und war damit endlich das, was es die ganze Zeit hätte sein sollen.
Ein ordnungsgemäß übernommener Fundgegenstand.
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Erst als sie draußen waren, fiel ihm ein, wo seine Niederschrift ist.
Sie war im Heft von Brenda, hinten auf der letzten Seite, unter der Zeile mit den Kilometerständen. Und das Heft lag im Handschuhfach von einem dunkelblauen Impala, der seit dem Vormittag irgendwo unterwegs war.
Alles, was er getan hatte, stand dort drinnen.
Und alles, was er getan hatte, konnte er ohne das Heft niemandem sagen.