Am Montag um sechs stand die Lydia wieder in der Küche, und diesmal sagte sie etwas zu Rudl.
Es waren vier oder fünf Wörter, und er verstand keines davon. Sie sagte es trotzdem zu Ende und schaute ihn dabei an.
„Was hat sie gesagt?“
„Daß ihr das Hemd behalten sollt“, sagte Brenda.
Rudl schaute an sich hinunter. Dann sagte er danke, auf Deutsch, und die Lydia nickte und ging zum Herd zurück, und damit war es abgeschlossen.
*
Um zwanzig nach sechs fuhren sie los.
Die Sonne kam von hinten und stand so tief im Seitenspiegel, daß Rudl wegschauen mußte. Das Etui hatte er auf den Schoß gelegt und erst danach den Gurt darübergezogen, quer über beides. Es nützte nichts. Es schaute nur besser aus.
Sie waren keine vierzig Minuten unterwegs, als ihm auffiel, daß Brenda in den Spiegel schaute, und zwar öfter, als es zum Fahren nötig ist.
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Der Wagen kam von weit hinten und wurde langsam größer.
Weiß, mit einem Streifen, und auf dem Dach ein Balken, der nicht leuchtete. Er blieb zwei Wagenlängen hinter ihnen und blieb dort.
„Was ist?“, fragte Rudl.
„Nichts.“
Rudl zählte mit. In der nächsten Minute schaute sie siebenmal hinein.
Ihre Hände lagen, wo sie den ganzen Weg gelegen waren, die linke auf zehn, die rechte auf zwei.
Dann ging der Balken auf dem Dach an.
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Sie setzte den Blinker, fuhr auf den Streifen hinaus, kam ordentlich zum Stehen und stellte den Motor ab.
Dann legte sie beide Hände oben aufs Lenkrad, so daß man sie von draußen sah, und schaute geradeaus.
„Legt die Hände auf die Knie“, sagte sie. „Und rührt nichts an.“
Rudl legte die Hände auf das Etui und nahm sie dann wieder herunter und legte sie auf die Knie daneben.
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Es dauerte lang, bis hinten die Tür aufging.
Rudl schaute in den Seitenspiegel und sah, daß der Mann im Wagen sitzen blieb und etwas machte. Vier Minuten lang. Bei der MA 48 hätte man in vier Minuten einen Behälter aufgenommen, verzeichnet und wieder abgestellt.
Dann kam er heraus. Ein junger, sehr aufrechter, mit einem breiten Hut und einer Sonnenbrille, die er nicht abnahm.
Er ging nicht auf Brendas Seite. Er blieb ein Stück hinter der hinteren Tür stehen, wo man ihn nur sieht, wenn man sich umdreht.
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Er sagte etwas, freundlich, und Brenda antwortete und griff dann langsam zur Sonnenblende hinauf und nahm ihren Führerschein heraus.
Er nahm ihn und schaute ihn an und schaute dann zu Rudl herüber.
Dann fragte er etwas.
„Er will wissen, wer ihr seid“, sagte Brenda.
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Rudl richtete sich auf.
Er hatte darauf dreißig Jahre lang eine Antwort gehabt, und sie war in dieser Zeit nie falsch gewesen. Man gibt seine Personalien an. Man gibt sie vollständig an, weil eine unvollständige Angabe dasselbe ist wie eine falsche, und man gibt sie ohne Aufforderung ein zweites Mal, wenn man merkt, daß der andere mitschreibt.
„Brandstetter“, sagte er. „Rupert. Oberaufseher bei der Magistratsabteilung achtundvierzig, Wien.“
Brenda drehte den Kopf zu ihm.
Es war das erste Mal, seit er sie kannte, daß sie während des Redens den Blick von der Straße nahm.
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„Sagen S‘ es ihm“, sagte Rudl.
Sie sagte es ihm.
Sie sagte es langsam und ohne Betonung, wie man einen Brief vorliest, der einem nicht gehört, und beim Namen machte sie eine kleine Pause, so als wollte sie ihm noch Zeit lassen.
Der Mann mit dem Hut schrieb nichts mit.
Er schaute Rudl an, ungefähr zwei Sekunden lang, und in diesen zwei Sekunden veränderte sich an ihm nichts außer der Entfernung, die er zum Wagen hielt. Er machte einen Schritt zurück.
Dann sagte er etwas in das Gerät an seiner Schulter, kurz, mit einer Zahl darin.
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„Was hat er gesagt?“
Brenda antwortete nicht gleich.
„Er hat gesagt, daß er euch hat.“
*
Rudl schaute geradeaus, auf die Fahrbahn, auf der jetzt zwei Lastwagen vorbeikamen und den Impala kurz zum Schaukeln brachten.
Dreißig Jahre lang war es richtig gewesen.
Er dachte an den Sammer, ohne zu wissen, warum, und an die Reihe vierzehn, und daß der Koffer inzwischen irgendwo stehen wird, wo man ihn aufgeschrieben hat.
„Frau Brenda“, sagte er.
„Ja.“
„Das Etui gehört nicht mir.“
„Das weiß ich.“
„Aber sagen kann ich es keinem“, sagte Rudl.