Der Hof lag hinter einer Scheune, und es standen schon über hundert Autos dort, in Reihen im Gras, dazu am Rand zwölf oder fünfzehn Buggys mit ausgespannten Pferden.
Rudl schaute sich das an und rechnete kurz nach, ob der Platz reicht, wenn alle zugleich hinausfahren wollen. Es reichte nicht. Aber offenbar wollte hier nie jemand etwas zugleich.
„Wie lang dauert das?“, fragte er.
„Bis es aus ist.“
*
Auf dem Hof standen die Sachen in Reihen auf dem Boden, und was nicht am Boden stand, lag auf Leiterwagen.
Rudl ging die erste Reihe entlang und war sofort daheim.
Er kannte das alles. Nicht die Gegenstände — eine Sämaschine hatte er noch nie aus der Nähe gesehen —, sondern die Ordnung. Zuerst das Große, was einer mit einem Traktor holen muß. Dann das Mittlere. Dann die Kisten mit dem, was keinen eigenen Namen mehr hat.
Am Mistplatz in der Kendlerstraße war es genauso, nur ohne Preise.
Er blieb bei einer Kiste stehen. Darin lagen Schraubenschlüssel, ein Fleischwolf, zwei Türschnallen und ein Wecker ohne Glas.
Dreißig Jahre lang war seine Arbeit gewesen, daß so etwas verschwindet. Hier standen die Leute davor und schauten es an, wie man in einem Geschäft schaut.
*
Um zehn fing der Ausrufer an.
Er stand auf einem Anhänger und redete in ein Mikrofon, und was er redete, war kein Englisch, das man als Sprache erkannt hätte. Es war ein einziger langer Ton, der auf und ab ging und alle paar Sekunden von einer Zahl unterbrochen wurde.
Rudl hörte eine Minute zu.
Er war einmal im Dorotheum gewesen, wegen eines Kastens, den seine Schwiegermutter hinterlassen hatte. Dort hatte einer langsam geredet, gedämpft, so wie man in einem Saal redet, und zwischen den Zahlen hatte er Pausen gemacht, und am Schluß mit einem Hammer auf ein Pult geklopft.
Beim zweiten Zuschlag begriff er, wie es geht. Dasselbe wie dort, nur ohne die Pausen.
Von da an gefiel es ihm.
*
Die Leute standen dicht gedrängt.
Ein Teil war angezogen wie die Lydia: Hauben, dunkle Kleider, und die Männer hatten Bärte ohne Schnurrbart. Der Rest, und das waren mehr, hatte Hemden an und Schirmkappen auf, auf denen etwas draufstand. Ein Bub schob einen Wagen mit Limonade durch die Reihen.
Zum ersten Mal seit Donnerstag stand Rudl wieder zwischen Menschen, so nah, daß man einander angreift, wenn man sich umdreht.
Und da fiel es ihm auf.
Er hatte das Hemd seit Donnerstag am Leib, und das Sakko darüber, und beides war zweimal durchgeschwitzt und wieder getrocknet. Er hatte keinen Kamm, keine Rasierklinge und keine Zahnbürste. Er hatte einen Reisepaß, der in Iowa in einem Bus lag, und zwölftausendsechshundert Dollar in der Tasche, die ihm nicht gehörten.
Er trat einen halben Schritt zurück, damit zwischen ihm und dem Nächsten wieder Luft war.
Am Mistplatz hatte er dreißig Jahre lang gewußt, wie etwas riecht, das zwei Tage in der Sonne steht.
Heute war der dritte.
*
Brenda stand ein Stück weiter vorne und hatte ein Kärtchen mit einer Nummer in der Hand.
Rudl schaute ihr zu.
Sie bot dreimal, und beim dritten Mal bekam sie den Zuschlag. Es war eine Kiste mit Einmachgläsern, und was daran zwölf Dollar wert war, hätte er nicht sagen können.
Dann ging sie zu dem Tisch, an dem zwei Frauen mit einer Kassa saßen, ein Brett auf zwei Böcken, und legte das Geld darauf.
Nicht in die Hand. Auf das Brett.
Die Frau zählte heraus, legte das Wechselgeld daneben und zog die Hand zurück, bevor Brenda danach griff.
*
Rudl schaute noch einmal hin, weil er es beim ersten Mal für einen Zufall gehalten hatte.
Es war kein Zufall. Bei dem Mann vor ihr war es Hand in Hand gegangen.
Er kannte solche Regelungen. Bei der Kassa im Amtshaus durfte man Geld auch nicht in die Hand nehmen, wenn man an dem Tag den Kübeldienst gehabt hatte, und dafür gab es ein Schalerl.
Nur lag hier kein Schalerl.
*
„Warum legen S‘ das Geld hin?“
Brenda schaute geradeaus, auf den Ausrufer.
„Weil sie es aus meiner Hand nicht nehmen.“
„Und warum nicht?“
„Weil ich ein Auto hab.“
„Und der Kleinlaster bei der Lydia?“
„Auch meiner.“
*
Sie sagte es so, wie sie alles sagte, und Rudl ließ eine Weile vergehen, bevor er weiterfragte, weil ihm klar war, daß hier gerade etwas gesagt worden war, das größer ist als der Satz.
„Und die Lydia?“
„Die Lydia ist meine Schwester.“ Brenda schaute weiter nach vorne. „Bei ihr im Haus darf ich sein. Am Tisch nicht.“
„Und die hat Ihnen das Fahren beigebracht.“
„Vor der Taufe. Da gilt es noch nicht.“
Rudl dachte an den Donnerstagabend zurück, an das stille Gebet und an das Brot, das noch einmal geschnitten worden war.
Er hatte es damals auf sich bezogen.
*
Gegen Mittag kamen die Tische mit dem Gewand dran.
Es lag in Stapeln, nach Größe geordnet, Hemden, Hosen, Kinderzeug, und die Leute nahmen es in die Hand und hielten es sich an.
Brenda ging hin, ohne etwas zu sagen, nahm ein Hemd von einem Stapel, hielt es kurz hoch und legte es wieder zurück. Beim zweiten stimmte es offenbar.
Sie zahlte es an dem Tisch, wo die zwei Frauen saßen, und legte das Geld hin, und die Frau legte das Wechselgeld auf das Brett.
Dann kam sie zurück und hielt Rudl das Hemd hin.
Es war blau, aus dickem Baumwollstoff, gewaschen und gebügelt, und am Kragen war der Stoff ein bißchen heller als am Rest.
„Das gehört mir nicht“, sagte Rudl.
„Jetzt schon.“
*
Er nahm es und wußte nicht, wohin damit, und hielt es dann so, wie sie es ihm hingehalten hatte.
Hinter ihm lachte einer.
Rudl drehte sich um. Es war ein alter Mann mit einem weißen Bart, und er erzählte einem anderen etwas, und beim Lachen sah man seine Zähne.
Es waren alle da, und keiner war weiß. Sie waren kurz. Nicht abgebrochen, sondern abgenützt, unten gerade, so wie ein Werkzeug abgeht, das siebzig Jahre hergehalten hat.
Rudl schaute länger hin, als sich gehört.
Dann legte er sich das Hemd über den Arm und ging Brenda nach.