Sie kamen um halb elf an, und das Haus war eines von der Sorte, die in einer Reihe stehen und sich nur durch die Farbe der Tür unterscheiden.
Der Sammer nahm das Blatt aus der Innentasche und hielt es gegen das Licht der Straßenlaterne. Auf dem Blech neben der Tür stand dieselbe Zahl.
„Paßt“, sagte er.
„Was?“
„Die Nummer.“
Prantl schaute ihn an, als ob er darauf etwas antworten wollte, und ließ es dann.
*
Die Frau, die aufmachte, war um die sechzig und hatte einen Morgenmantel an, obwohl sie offensichtlich nicht geschlafen hatte.
Prantl sagte etwas auf Englisch, ziemlich lang, und die Frau schaute währenddessen den Sammer an, und am Schluß nickte sie und trat zur Seite.
„Meine Frau. Carol.“
„Sammer.“
Sie gab ihm die Hand und sagte etwas Freundliches, und der Sammer verstand es nicht.
„Sie kann kein Deutsch“, sagte Prantl.
„Und wie lang sind S‘ schon da?“
„Im Herbst werden’s vierzig.“
Der Sammer schaute von einem zum anderen und sagte nichts.
„Sie hat’s nie gebraucht“, sagte Prantl.
*
In der Küche stellte sie ihm einen Teller hin, mit Fleisch und mit Erdäpfeln, und der Sammer aß, weil man ißt, wenn einem jemand um elf in der Nacht etwas hinstellt.
Sie setzte sich dazu und schaute ihm zu. Zweimal sagte sie etwas, und Prantl übersetzte es, und beide Male war es eine Frage, wie man sie einem Gast stellt.
Beim dritten Mal sagte sie etwas und winkte gleich selber ab, bevor Prantl anfangen konnte, und lächelte dazu.
Die Wörter verstand der Sammer nicht. Daß sie ihn in Ruhe essen lassen will, verstand er schon, und das war an diesem ganzen Tag das erste Mal, daß er jemanden verstanden hat, der nicht Deutsch geredet hat.
*
Er schlief in einem Zimmer, in dem ein Bett stand und sonst nichts, was einem gehört hätte.
An der Wand hing ein gerahmtes Bild von einem Berg. Der Sammer schaute es an, bis das Licht aus war, und war sich ziemlich sicher, daß es der Großglockner ist, aber er hätte nicht darauf gewettet.
*
In der Früh saß Prantl schon angezogen in der Küche.
„Ich muß ins Labor. Ich hab gestern einen ganzen Tag verloren, und am Montag wollen die ihre Kronen.“ Er stellte die Häferl hin. „Sie können mitkommen oder dableiben.“
„Ich komm mit.“
„Da ist am Samstag keiner. Da ist nichts los.“
„Ich komm trotzdem mit.“
*
Das Labor war ein flaches Haus in einer Reihe von flachen Häusern, zwischen einem Reifenhändler und etwas Zugesperrtem.
Innen roch es nach heißem Kunststoff und ein bißchen nach Zahnarzt, und es war heller, als der Sammer erwartet hatte. An vier Arbeitsplätzen standen Lampen mit Lupen dran, und bei jedem lag das Werkzeug so, wie es der hinlegt, der dort sitzt.
Der Sammer schaute sich das an. Man sieht einem Platz an, ob einer gern hingeht.
Prantl zog das Sakko aus, hängte es über einen Sessel und setzte sich an den hintersten.
*
„Was machen S‘ denn da eigentlich?“, fragte der Sammer nach einer Weile.
Prantl drehte sich um.
„Wollen S‘ es sehen?“
Er stand auf und machte eine Lade auf.
Darin lagen Zähne.
Nicht ein paar, sondern in Fächern, hunderte, weiß und blaßgelb und dazwischen alles, in Reihen sortiert wie Schrauben. Er machte die nächste Lade auf, und da war es dasselbe noch einmal, nur größer.
„Schneidezähne“, sagte Prantl. „Und da die Backen.“
*
Auf dem Regal über dem Arbeitsplatz standen flache Kassetten aufrecht nebeneinander, ein Dutzend vielleicht.
Prantl nahm eine heraus und hielt sie ins Licht, so wie man eine Karte hält.
„Und damit sucht man die Farbe aus. Man hält es dem Menschen an die Zähne und schaut, welcher paßt.“
Der Sammer schaute darauf.
Sechzehn kleine Zähne auf Stielen, in einer Reihe, jeder in einem eigenen Schlitz.
„Sind die alle gleich?“
„Die Kassetten? Ja. Die krieg ich vom Erzeuger.“ Prantl stellte sie zurück ins Regal. „Auf meine kommt ein Pickerl mit der Firma drauf, weil sonst nach zwei Jahren keine mehr da ist. Die wandern.“
*
Er setzte sich wieder hin und nahm etwas aus einer Schachtel, das der Sammer nicht erkannte, und schaute es durch die Lupe an.
„Da kenn ich meine eigene Arbeit“, sagte er, ohne aufzuschauen. „Bei einer Krone, die aus diesem Haus gegangen ist, weiß ich, wer sie geschliffen hat und ungefähr wann.“
„Woran?“
„An allem. Das ist wie eine Handschrift.“ Er legte es hin. „Ist auch schon vorgekommen, daß mich wer deswegen angerufen hat.“
„Wer?“
„Ein Bestatter“, sagte Prantl. „Einmal in siebzehn Jahren. Man will nicht, daß es zweimal vorkommt.“
*
Um elf kam Carol mit einer Papiertasche und stellte sie hin und ging wieder, und Prantl aß im Stehen.
Der Sammer saß auf einem Sessel neben der Tür und schaute den vier leeren Arbeitsplätzen zu.
Dann sagte er: „Hätten S‘ ein Papier für mich?“
Prantl schaute auf.
„Wozu?“
„Ich schreib auf, was war.“ Der Sammer sagte es, ohne die Stimme zu heben. „Von Donnerstag an. Wann der Brandstetter ausgestiegen ist und was die Reiseleiterin gesagt hat und was ich gesehen hab, wie ich zurückgekommen bin.“
„Das haben S‘ denen doch alles erzählt.“
„Erzählt schon.“
Prantl schaute ihn eine Sekunde zu lang an.
Dann ging er zum Schreibtisch, nahm einen Block heraus, legte einen Kugelschreiber quer darüber und stellte beides vor den Sammer hin.