Um sechs war die Lydia schon angezogen und stand in der Küche, als hätte sie dort die Nacht verbracht.
Sie sagte etwas zu Brenda, kurz, und Brenda antwortete mit einem Wort. Dann schaute die Lydia den Rudl an, nickte einmal und ging zum Herd zurück.
Rudl hatte sich in den zwei Tagen angewöhnt, das nicht als Unhöflichkeit zu nehmen. Bei der Lydia war ein Nicken ein ganzer Satz, und man mußte nur wissen, welcher.
Auf dem Tisch lagen zwei Weckerln in einem Tuch. Brenda nahm sie mit, ohne etwas dazu zu sagen, und das war offenbar auch schon besprochen.
*
Es war noch kühl, als sie hinausfuhren, und der Kukuruz stand still, weil kein Wind ging.
Rudl saß mit dem Etui auf den Knien. Er hatte es in der Früh nicht in die Sakkotasche gesteckt, und er hätte nicht sagen können, warum, außer daß es sich seit gestern nacht anders anfühlte.
„Wie weit ist das?“, fragte er.
„Anderthalb Stunden.“
„Und was schauen wir uns dort an?“
„Was übrig ist“, sagte Brenda, wie schon einmal.
*
Bei der Auffahrt fuhren sie auf die Achtzig hinauf.
Nach einer halben Stunde änderte sich die Landschaft.
Sie hörte auf, flach zu sein. Die Straße fiel ein Stück ab, und rechts und links standen zum ersten Mal seit zwei Tagen Bäume, nicht in Reihen, sondern so, wie sie gewachsen waren. Dann kam eine Böschung, und dahinter war Wasser.
Rudl richtete sich auf.
Es war breit. Nicht breit wie die Donau bei Wien, sondern breit wie zwei Donauen nebeneinander, braun und ohne Eile, mit einer Insel in der Mitte, auf der auch Bäume standen.
„Was ist das?“
„Der Mississippi.“
Rudl sagte darauf nichts, weil ihm nichts einfiel, was nicht dumm gewesen wäre.
*
Die Brücke war aus Stahl und ging in zwei Bögen hinüber.
Sie fuhren im Schritt, weil vor ihnen ein Sattelzug war, und Rudl hatte Zeit, sie anzuschauen. Die Fahrbahn war in Platten geteilt, und an jedem Stoß machten die Räder ein Geräusch, das immer gleich kam.
Er zählte mit. Zwischen dem elften und dem zwölften war der Abstand größer.
Am 1. August 1976 ist in Wien die Reichsbrücke in die Donau gefallen, um Viertel vor fünf in der Früh, und weil es so früh war, ist nur einer umgekommen. Rudl war damals zehn und hat drei Wochen lang jeden Tag die Bilder angeschaut. Seither schaut er sich Brücken an.
Er zählte weiter bis zum anderen Ufer. Nach dem zwölften war es nirgends mehr größer.
*
Drüben stand ein Schild, blau, mit weißen Buchstaben.
IOWA.
Rudl las es, und dann las er es noch einmal, weil er zuerst nicht begriffen hatte, was daran wichtig war.
Am Donnerstagabend hatte er in der Zentrale angerufen, und der Journaldienst hatte gesagt, er schreibt es ins Buch. Befindet sich in einem Kraftfahrzeug auf einer Landstraße westlich der Interstate achtzig, in Illinois.
Seit ungefähr einer Minute stimmte das nicht mehr.
Es stand in einem Buch in Wien, in der Handschrift von jemandem, den er kannte, und es war falsch.
Berichtigen konnte er es nur mit einem Anruf. Was so ein Anruf kostet, hatte ihm noch niemand sagen können, und im Handschuhfach lagen sechzig Dollar, die einem anderen gehörten.
Er ließ den Eintrag stehen.
*
„Ich muß Ihnen etwas sagen“, sagte er.
Brenda schaute nicht herüber, aber sie wurde langsamer, und das war bei ihr dasselbe.
Rudl klappte das Etui auf, nahm die Scheine heraus, legte sie auf seine Knie und zog die Klappe hoch.
„Das war unter dem Geld. Seit Donnerstag.“
Er hielt ihr die Kassette hin, so, daß sie hinschauen konnte, ohne den Kopf zu drehen.
Brenda schaute zweimal hin, kurz, wie man schaut, wenn man fährt.
„Was ist das?“
„Das weiß ich nicht. Sechzehn Zähne aus Plastik, nach der Helligkeit geordnet.“ Er drehte sie um. „Und da steht, wo es herkommt.“
„Lest es vor.“
„Das kann ich nicht. Es ist Englisch.“ Er hielt den Finger darunter. „Bis auf das da. Das ist ein Ortsname.“
„Omaha“, sagte Brenda.
„Wie weit ist das?“
Sie brauchte einen Moment.
„Dreihundert Meilen. Vielleicht mehr.“
*
Rudl legte die Scheine zurück, drückte die Klappe hinunter und machte beide Knöpfe zu. Dann schob er es doch in die Sakkotasche, wo es seit Donnerstag gewesen war, und ließ die Hand eine Weile darauf liegen.
Er brauchte vier Meilen.
„Ich müßt nach Omaha.“
Brenda sagte nichts dazu.
„Ich weiß, daß ich das nicht verlangen kann.“
Brenda schaute in den Spiegel und wieder nach vorn.
„Ich könnt es zahlen.“ Er sagte es, und noch während er es sagte, hörte er, wie es klang. „Das Benzin, mein ich.“
„Womit?“
Darauf sagte er nichts, und sie fragte auch nicht weiter, weil sie beide wußten, daß er nichts hätte hergeben können als das Geld aus dem Etui.
*
Nach einer Weile sagte Brenda: „Heut ist die Versteigerung. Da fahr ich hin, weil ich es der Lydia versprochen hab.“
„Das ist recht.“
„Und morgen ist Sonntag.“
Rudl schaute hinaus. Er hatte schon am Donnerstag gelernt, daß bei ihr nach einem Satz noch etwas kommt, wenn man wartet.
„Am Montag könnten wir fahren.“
Er drehte den Kopf.
Brenda schaute geradeaus, und weil die Sonne jetzt von der Seite kam, sah er sie zum ersten Mal ganz. Sie hatte den Mund einen Spalt offen, so wie Leute, die sich auf etwas konzentrieren, und seitlich oben fehlte ein Zahn. Die Lücke war alt, das sah man, weil die daneben schon ein Stück hineingewachsen waren.
Es machte ihr nichts. Es hatte ihr offenbar seit Jahren nichts gemacht.
„Warum?“, fragte Rudl.
„Weil ihr sonst zu Fuß geht“, sagte Brenda.