Zahnweiß (1): Herrenlos

Ein älterer, sichtlich überforderter Mann in traditioneller österreichischer Trachtenjacke steht an einer entlegenen Tankstelle im flachen, unendlichen Nirgendwo von Nebraska. Neben einem riesigen weißen Ford-Pickup hält er ungläubig die Zapfpistole in der einen Hand und schaut mit entsetztem Blick direkt in die Kamera. Unter dem armseligen Schatten des Tankstellendachs umklammert er wie einen Eimer einen gigantischen, dampfenden Pappbecher mit der Aufschrift „Triple-Shot HUGE American Java“. Im Hintergrund erstreckt sich eine schnurgerade Landstraße bis zum Horizont, überragt von einer mächtigen US-Flagge und einem verblichenen Reklameschild mit der Aufschrift „GAS, GRUB, GOD – LAST CHANCE FOR CARAMEL LATTE“.

Der Bus war weg.

Das war die erste Feststellung, und man mußte kein Kriminalbeamter sein, um sie zu treffen. Rudl stand hinter dem Getreidesilo am Rand der Tankstelle und sah der Dieselwolke nach, wie sie auf der I-80 nach Westen zog, dünner wurde und in der flimmernden Luft über dem Asphalt verschwand.

Das Silo war ein rundes Blechding auf einem Betonring, seit Jahren außer Betrieb. Der Rost war in Bahnen heruntergelaufen, und unten, wo das Blech auf dem Betonring aufsitzt, hatte er es durchgefressen. Auf Kniehöhe klaffte ein Loch, aus dem irgendwann einmal der Kukuruz herausgelaufen war. Der Kegel davon lag noch da, oben grau geworden von Sonne und Regen. Rudl stieß mit der Schuhspitze hinein. Zwei Zentimeter tiefer war der Kukuruz noch gelb.

Oben auf dem Silorand saßen die Spatzen.

Rudl drückte seine Zigarette an der Blechwand aus und mußte dabei achtgeben, daß er sich nicht die Fingerkuppen verbrannte. Das Blech gab einen tiefen, hohlen Ton von sich, und aus dem Loch rieselte noch einmal ein bißchen Kukuruz nach.

Die Spatzen pudelten sich laut über die Störung auf. Die Störung war Rudl.

Fünf Minuten hatte er hier stehen wollen. Fünf Minuten ohne das Ehepaar Hangl aus Mödling und ohne die Klimaanlage im Bus, die ihm seit Chicago in die Stirnhöhlen fuhr wie ein Bohrer, für den niemand zuständig war.

Der Fahrer hatte offenbar nicht durchgezählt, sondern gefragt. Neben Rudl saß der Herr Sammer, schwerhörig und höflich, eine Kombination, die schon ganz andere Reisen ruiniert hat. Auf die englische Frage des Fahrers wird der Sammer freundlich genickt haben. So etwas macht er. In Chicago hat ihn einer nach Kleingeld gefragt, da hat er auch genickt. Es hat ihn zwanzig Dollar gekostet.

Jetzt fuhr der Koffer ohne Rudl nach Iowa. Drei Packungen Mannerschnitten fuhren mit, eingepackt für den Notfall, und der Notfall war jetzt eingetreten. Die Schnitten waren auf dem Weg nach Iowa, aber der Notfall war hier. Der Reisepaß lag im Gepäcksnetz über Reihe vierzehn, zwischen dem Regenschirm und dem Prospekt vom Reisebüro Sedlacek, Wien-Meidling. Der Große Westen. 21 Tage. Alles inklusive.

Ohne Paß ist man in Amerika bekanntlich kein Mensch, sondern eine bürokratische Unregelmäßigkeit. Und Unregelmäßigkeiten werden drüben gar nicht gern gesehen.

Rudl ging auf das flache, ausgebleichte Gebäude von Uncle Sam’s Diner & Fuel zu, mit den schweren, gleichmäßigen Schritten eines Mannes, der noch nie irgendwo früher angekommen ist als nötig. Er war groß und breit geworden über die Jahre, hatte Hände wie Schaufelblätter und einen grauen Schnauzbart, der an der rechten Seite gelb war, dort, wo die Zigarette hing. Er trug das Sakko, das er vor drei Jahren für eine Hochzeit in Baden gekauft hatte. Es war seither zweimal aus dem Kasten gekommen. Einmal für den Purzl und einmal für Amerika. Bei vierunddreißig Grad war es keine gute Idee, aber die guten Ideen hatte Rudl in Wien gelassen.

Er wollte nach einem Telefon fragen. Oder nach dem Geschäftsführer.

Als er die Fliegengittertür aufzog, kam ihm ein Mann entgegen.

Der Mann war vielleicht vierzig, sehnig, mit Armen, die bis zur Ärmelkante braun waren. Er trug eine Camouflagekappe, unter der die Haare so kurz standen, daß man die Kopfhaut sah, und ein schwarzes T-Shirt, auf dem eine zusammengerollte Schlange war und darunter eine Zeile, die Rudl nicht lesen konnte. Er roch nach Motoröl und Zimtkaugummi.

Als er sich an Rudl vorbeidrehte, rutschte der Ärmel ein Stück hinauf. Die Haut darunter war weiß wie Topfen.

Im Vorbeigehen entglitt ihm für den Bruchteil einer Sekunde ein Lächeln, und im Mittagslicht von Illinois blitzte ein Gebiß auf, das so weiß war wie Sanitärkeramik, die noch keiner benutzt hatte. Gerade, vollständig, ohne einen einzigen Schatten dazwischen.

Der Rest von dem Mann sah nicht nach Zahnarzt aus.

Die Fliegengittertür schnappte zu. Drinnen roch es nach altem Frittierfett und nach dem Chlorreiniger, mit dem sie drüben alles abwischen, was sie nicht putzen wollen.

Rudl blieb kurz stehen und schätzte den Laden ab, wie er in Wien einen Mistplatz abschätzte. Kunstleder in Ochsenblutrot, an den Nähten aufgeplatzt, die Polsterung quoll heraus. Auf den Hockern Panzerband, grau vom Angreifen. Die Tischkanten von Truckerellbogen blank gescheuert. Über der Durchreiche eine Uhr in Form eines Traktorreifens, die zwanzig vor zwölf zeigte, was um vierzig Minuten daneben lag. Daneben ein Schild, auf dem Gott gebeten wurde, Amerika zu segnen, und darunter eines, auf dem stand, daß die Toilette nur für zahlende Gäste sei.

Von der Decke hing ein Fliegenfänger, eine Papierspirale in Honigbraun, aus ihrem Pappendeckelröhrchen herausgezogen und an einem Reißnagel aufgehängt, der sich in der Deckenplatte schon gelockert hatte. Wenn die Fliegengittertür ging, drehte sich die Spirale eine Vierteldrehung weit und wieder zurück. Die Fliegen klebten in Schichten übereinander. Ganz außen saßen welche, die sich noch bewegten.

Der Fänger war wohl seit dem Frühjahr in Betrieb. Getauscht hatte ihn niemand.

Neben der Durchreiche hing ein Feuerlöscher. Rudl drehte im Vorbeigehen das Prüfpickerl zu sich, weil das die Hand von selber machte. Geprüft im März, sauber abgezeichnet, der nächste Termin im Herbst. Es war die einzige Zahl im Lokal, auf die Verlaß war.

Sanierungsfall, aber kein Notfall.

Er setzte sich auf einen Hocker in der Mitte der Reihe, weil da das Lokal am besten austariert ist. Der Hocker quietschte trocken und ließ sich auch nach dem Hinsetzen noch ein Stück drehen. Als Rudl die Unterarme auf die Theke legte, blieben die Ärmel picken. Gewischt worden war hier schon, das sah man. Nur hatte der Reiniger den Schmutz nicht weggenommen, sondern verteilt, und wenn so etwas trocknet, pickt es. Er dachte kurz an das Sakko und an die Hochzeit in Baden und ließ die Arme, wo sie waren.

Vor ihm standen die Ketchupflaschen auf dem Kopf, damit noch etwas herauskommt, mit Deckeln, die außen verkrustet waren. Zwei Hocker weiter stand ein Häferl, aus dem noch Dampf aufstieg. In der Kaffeemaschine hingen zwei Kannen, eine schwarz und eine orange. Was die orange bedeutete, hatte Rudl in zwei Wochen Amerika nicht herausgefunden und auch niemanden gefragt.

Hinter dem Tresen füllte ein junges Mädel mit sehr straff gebundenem Pferdeschwanz Pommes in eine Kartonschachtel. Sie fuhr mit der Schaufel durch den Haufen und kippte sie hinein, und was danebenfiel, blieb liegen. Auf dem Namensschild stand KAYLEE, das Schild hing schief. Sie war neunzehn, höchstens, hatte den Nagellack an drei Fingern abgesplittert und kaute Kaugummi mit halb offenem Mund. Ihre Zähne standen ein wenig durcheinander, und einer oben links war grau.

Neben der Kasse lag ein Etui.

Schwarzes Leder, so neu, daß es glänzte. Hätte er die Nase drangehalten, hätte er noch die Gerberei gerochen. Es lag mit der Klappe nach oben, ein Stück über die Kante des Furniers hinaus, wie etwas, das jemand abgelegt hat, um beide Hände frei zu haben, und dann nicht mehr daran gedacht hat.

Niemand vermißte es. Die Kaylee sah nicht einmal hin.

Für so etwas gibt es bei der MA 48 eine klare Regelung. Herrenlose Gegenstände werden aufgenommen, verzeichnet und dem Fundamt übergeben. Das Fundamt ist die MA 48, Siebenbrunnenfeldgasse im Fünften, Montag bis Freitag von acht bis halb vier, am Donnerstag länger. Rudl hatte das dreißig Jahre lang so gehandhabt und sah keinen Grund, ausgerechnet in Illinois damit aufzuhören.

Er nahm das Etui an sich. Verzeichnen konnte er es später.

Am Tresen klappte er es auf, halb im Schutz seines Oberkörpers, so wie man in der Straßenbahn die Geldbörse aufmacht. Drinnen steckte ein Bündel Hunderter, mit einem Gummiring so fest umwickelt, daß sich der Gummi in den obersten Schein eingegraben hatte. Rudl zählte nicht. Er hatte dreißig Jahre lang Container nach Augenmaß geschätzt und lag dabei selten mehr als fünf Prozent daneben. Zwölftausend, dachte er. Vielleicht dreizehn.

Daneben, in einer eigenen Lasche, steckte ein USB-Stick. Silbern, ohne Aufschrift, bis auf vier Ziffern in wasserfestem Filzstift, in einer Handschrift, die sich Mühe gegeben hatte.

0106.

Eine Postleitzahl, dachte Rudl. Wobei die drüben fünfstellig sind, das hatte er schon bemerkt. Also keine Postleitzahl. Also irgendein Code, und Codes gehen einen nichts an.

Er schob das Etui in die Sakkotasche. Es ging hinein, aber nur, weil das Hochzeitssakko aus einer Zeit war, in der man weiter geschnitten hat, und der Dienstausweis mußte in die andere Tasche.

Draußen fiel eine Autotür zu. Nicht leise. Amerikanisches Blech hat einen eigenen Klang, hohl und beleidigt.

Ein schwarzer Ford stand quer vor den Zapfsäulen, der Motor lief noch. Hochgelegt, mit Reifen, für die es in Wien keine Verwendung gegeben hätte, und einem Bündel Antennen auf dem Führerhaus. Im Ladebett steckte eine Fahnenstange in einer Halterung, und die Fahne daran war so ausgeblichen, daß von Rot und Blau nur mehr zwei Grautöne übrig waren.

Der Mann mit der Kappe war ausgestiegen und ging gebückt seine eigene Spur zurück, den Blick am Boden, wie einer, der eine Münze verloren hat. Zwischen den Zapfsäulen blieb er stehen und drehte sich einmal um sich selbst. Dann ging er weiter zur Fliegengittertür und griff sich dabei einmal unter den linken Arm.

Dort war nichts.

Rudl rührte sich nicht. Er schaute einfach zu, so wie er in Wien zugeschaut hatte, wenn einer im Halteverbot stand und die Kehrmaschine kam.

Durch das Gitter trafen sich ihre Blicke. Der Blick des Mannes wanderte von Rudls Gesicht abwärts zur Sakkotasche, die durch das Etui ein Stück nach unten hing.

So etwas sieht man.

Die Hektik fiel von dem Mann ab. Er richtete sich auf, wischte sich die Handflächen an der Hose ab, legte beide Daumen hinter den Gürtel und lächelte. Es war kein Wiedererkennen. Es war dasselbe wie vorhin in der Tür, nur diesmal in Ruhe, und in Ruhe dauerte es länger.

Er kam nicht herein. Er nickte einmal, drehte sich auf dem Absatz um, stieg in den Pickup und ließ an. Dann fuhr er dreißig Meter weit, stellte den Wagen in den Schatten des Silos, den Motor ab und das Fenster herunter.

Er wartete. Das war die zweite Feststellung.

Über Rudl legte sich die gewohnte, verläßliche Sinnlosigkeit des Daseins, warm wie eine Decke.

Er sah auf die Uhr, auf die eigene, nicht auf den Traktorreifen. In Wien war es zwanzig nach sieben am Abend. In der Unterkunft hatte die Nachtschicht übernommen, die Streufahrzeuge standen aufgereiht und leer, weil August war, und der Hofrat Wondra saß vermutlich beim zweiten Achterl und erzählte irgendwem, daß er den Brandstetter jetzt endlich einmal unter Leute gebracht habe.

Das Mädel hinter dem Tresen fragte etwas.

Rudl verstand es nicht und nickte.

Es wurde Kaffee.