Kapitel 2: Der Oberaufseher
Rupert Brandstetter reiste nicht gern.
Wer dreißig Jahre bei der MA 48 ist, weiß, dass überall derselbe Mist herumliegt. In Favoriten, in Venedig, in Indiana. Die Menschheit hinterlässt überall dieselbe Spur aus Plastik und Halbwahrheiten. Es ändert sich nur die Marke auf den Zigarettenpackerln, und in Amerika ändert sich nicht einmal die.
Die Reise war ihm auch nicht vergönnt worden, sie war ihm aufgetragen worden. Der Hofrat Wondra hatte ihn im Juni ins Büro geholt, ein Zimmer im ersten Stock mit Blick auf den Hof, in dem es nach Kopierertoner und nach dem Schinkenweckerl von halb zehn roch. Wondra saß hinter zwei Aktenstößen, die er seit Jahren nicht bewegte, weil sie als Sichtschutz gegen die Tür dienten, und stocherte mit einer aufgebogenen Büroklammer zwischen den Zähnen.
„Geh bitte, Rudl“, sagte er. „Fahr einmal weg.“
„Ich bin eh im Mai gefahren. Nach Rust.“
„Zwei Tage. Und zurückgekommen bist du wie eine Leich, die man vergessen hat abzuholen.“ Wondra hielt die Büroklammer gegen das Licht und begutachtete das Ergebnis. „Seit der Geschichte mit der Gerti bist du mir draußen in der Sektion zu giftig. Die Leut‘ reden schon.“
„Sollen sie reden.“
„Sie reden aber mit mir.“ Wondra schob ihm einen Prospekt über den Tisch. „Amerika. Drei Wochen, Bus, alles inklusive. Schau dir drüben die Entsorgungsbetriebe an. Die haben Deponien, da fahrst eine halbe Stunde und siehst noch immer kein Ende. Das schreibst mir dann auf, dann ist es eine Fortbildung, dann zahlt es das Amt, und wir zwei haben eine Ruh‘.“
Rudl sah den Prospekt an. Auf dem Umschlag stand ein Ehepaar vor einem großen Loch im Boden und lachte.
„Und die Klimaanlagen dort“, sagte er.
„Was ist mit denen?“
„Die schlagen mir auf die Stirnhöhlen.“
„Rudl.“ Wondra legte die Büroklammer weg. „Fahr.“
*
Die Geschichte mit der Gerti war das, was man eine dunkle Vergangenheit nennt, wobei Rudl das Wort nie verwendet hätte, weil nichts daran dunkel war. Es war nur das übliche, leise Desaster. Zehn Jahre Ehe, und dann war sie mit einem Esoterikhändler nach Graz gezogen. Der Mann verkaufte Klangschalen und trank keinen Kaffee. Ein Deutscher war er auch noch.
Zurück blieben ein Reihenhaus in Stammersdorf, das die Bank interessanter fand als Rudl, und ein Dackel namens Purzl, der mit einem Bandscheibenvorfall dagelegen war. Zwei Winter lang hatte Rudl ihn in einer Umhängetasche in den Hof getragen, dreimal am Tag, und wieder herauf. Dann ist der Purzl eingegangen, an Altersschwäche, wie der Tierarzt so sagte.
Mehr ist dazu nicht zu sagen.
Seither wohnte Rudl in Hernals, zwei Zimmer, Kaffee schwarz, an der Küchenwand der Kalender von der Gewerkschaft mit den Terminen der Betriebsversammlungen, zu denen er nicht ging. In der Dienststelle galt er als einer, der jeden Einsatzplan im Kopf hatte, bei jedem Fahrzeug seiner Sektion wusste, wann das Pickerl fällig war, und bei Betriebsfeiern nach dem zweiten Glas aufstand und ohne ein Wort ging. Kündigen wäre ihm nie eingefallen. Das wäre Papierkram gewesen.
Dass er jetzt allein in einem Diner in Indiana saß, hatte mit derselben Sturheit zu tun. Die Gruppe hatte er am zweiten Tag nicht mehr ausgehalten. Die Frau Hangl fotografierte jedes Kukuruzfeld und sagte dazu jedes Mal: „Schau, Rudl, ist das nicht gewaltig?“ Nach dem elften Kukuruzfeld war Rudl nach hinten übersiedelt, in die letzte Reihe, wo es nach Chemieklo roch, dafür aber niemand sitzen wollte. Dort war er zwei Wochen lang gesessen, stumm wie ein Hydrant, bis ihn beim Tankstopp die Klimaanlage endgültig aus dem Bus getrieben hatte.
Und jetzt wartete draußen ein Mann in einem Pickup.
Rudl saß noch immer auf dem Barhocker. Er hatte den Kaffee, den er nicht bestellt hatte, zur Hälfte getrunken. Der Kaffee war heiß und schmeckte nach nichts, und das war Rudl lieber als das, was sie ihm in Chicago als Espresso verkauft hatten.
Er winkte dem Mädchen und machte die Bewegung, die auf der ganzen Welt Schreiben bedeutet. Er bekam einen Kugelschreiber. Einen Stift bekommt man auch ohne Englisch.
Die Servietten steckten in einem Blechhalter neben den Ketchupflaschen. Rudl zog eine heraus, strich sie mit der Handkante glatt und schrieb in Blockschrift, weil eine Niederschrift leserlich zu sein hat.
FUNDGEGENSTAND: LEDERETUI, SCHWARZ
FUNDORT: GASTBETRIEB AN DER I-80, INDIANA
ZEIT: 12.20 ORTSZEIT
INHALT: BARGELD, DATENTRÄGER
AUFNEHMER: BRANDSTETTER RUPERT, OBERAUFSEHER, MA 48
Die Ortszeit rechnete er sich aus. Seine Uhr ging noch nach Wien. Er stellte sie nie um, weil er in zehn Tagen ohnehin wieder daheim war und weil eine Uhr, die man zweimal verstellt, zweimal falsch geht.
Bei der Summe hielt er an. Er hätte zählen müssen, und zählen konnte er hier nicht, nicht an einem Tresen, an dem zwei Meter weiter ein Mädchen Pommes einfüllt. Er ließ die Zeile leer. Eine unvollständige Niederschrift ist keine Niederschrift, und das saß ihm den restlichen Nachmittag im Genick wie ein zu enger Kragen.
Dann legte er den Kugelschreiber quer über die Serviette.
Draußen wartete einer darauf, dass er herauskommt. Rudl hatte eine Niederschrift gemacht.
Das Schlimmste an Amerika war nicht der Kerl draußen. Das Schlimmste war, dass hier alles glänzte, was ohnehin schon verloren war. Sie legten Chrom auf Rost und Bleichmittel auf Fett.
Die Speisekarte lag vor ihm, laminiert, an den Ecken aufgeplatzt und innen mit Fett angelaufen. Oben drauf war ein Biber gezeichnet, der aufrecht stand, eine Schürze trug und mit beiden Pfoten einen Hamburger hielt. SAMMY SAYS: GNAW ON THIS! Der Zeichner hatte dem Biber zwei Nagezähne gegeben, groß wie Fensterläden.
Biber haben orange Schneidezähne. Das kommt vom Eisen im Zahnschmelz, und deswegen halten die Zähne das Nagen ein Leben lang aus. Rudl wusste das aus dem Universum, das er sonntags schaute, weil sonntags nichts anderes kam und weil der Purzl dabei am Fußende gelegen war.
Die Zähne von Sammy dem Biber waren weiß. In der oberen Ecke hatten sie einen Glanzpunkt, wie man ihn sonst nur in Zahnpastawerbungen sieht.
Rudl schaute den Biber eine Weile an.
Dann drehte er die Karte um. Auf der Rückseite war der Biber auch.
„Ein Kaffee?“
Die Stimme kam nicht von der Kaylee. Sie kam von der Frau, die zwei Hocker weiter saß und die Rudl bis jetzt nicht wahrgenommen hatte, was ihm hinterher zu denken gab, weil er sonst Leute wahrnahm.
Und sie hatte Deutsch gesagt.
Es waren zwei Wörter gewesen, und sie waren langsam gekommen, mit einer Pause dazwischen, wo keine hingehörte. Es klang, als hätte die Sprache sehr lange in einer Truhe gelegen und wäre erst zum Lüften herausgeholt worden.
Die Frau war Mitte vierzig, vielleicht älter, schwer zu sagen bei einem Gesicht, das so viel Sonne gesehen hatte. Sie trug ein dunkelblaues Baumwollkleid, schlicht geschnitten, bis zum Hals geschlossen, und Rudl bemerkte, dass es keine Knöpfe hatte. Es war mit Stecknadeln zusammengesteckt. Über dem Haar saß ein Tuch, das einmal weiß gewesen war. Keine Ohrringe, kein Ring, keine Uhr. Vor ihr stand ein Häferl, das sie mit beiden Händen hielt, obwohl es vierunddreißig Grad hatte, und sie saß so, dass sie die Tür im Blick hatte.
„A Schwarzer“, sagte Rudl schließlich. „Aber ein anständiger, ned des Wasserzeug, was s‘ da herüben Kaffee heißen.“
Er sagte es breiter, als er es in Wien gesagt hätte. So wie man einen Stein ins Wasser wirft, wenn man nicht weiß, wie tief es ist.
„Der Kaffee hier schmeckt wie Brunnenwasser“, sagte die Frau.
Kein einziges englisches Wort war darin. Nicht einmal dort, wo es leichter gewesen wäre.
„Sie reden Deutsch.“
„Wir haben es immer geredet.“ Sie stellte das Häferl ab. „Der Mann in dem schwarzen Wagen draußen hat böse Gedanken. Er schaut seit fünf Minuten auf deine Rocktasche, Nachbar.“
Rocktasche, dachte Rudl. Mein Rock. Er sah an sich hinunter, auf das Hochzeitssakko aus Baden, das seit halb elf am Vormittag durchgeschwitzt war, und musste zugeben, dass ihr Wort besser passte als seines.
„Der wartet, bis mir fad wird“, sagte er.
„Und wird dir fad?“
„Ich bin beim Magistrat. Ich kann sehr lang warten.“
Sie überlegte das ernsthaft, so wie man einen Satz überlegt, den man wörtlich nimmt. „Was ist ein Magistrat?“
„Die Stadt.“
„Du bist die Stadt?“
„Ein Teil davon“, sagte Rudl. „Der hintere.“
Draußen ging der Motor des Pickups an, lief eine halbe Minute und ging wieder aus. Die Klimaanlage im Fenster tropfte auf ein Stück Karton, das jemand daruntergelegt und dann darauf vergessen hatte.
Die Frau drehte sich nicht um. Sie musste nicht. Hinter der Kaffeemaschine hing ein Spiegel, und in dem Spiegel stand der Pickup.
Rudl hatte sich in die Mitte der Hockerreihe gesetzt, weil man von dort sieht, wer hereinkommt. Die Frau saß zwei Hocker weiter und sah, wer draußen wartete.
„Bei uns sagt man“, begann sie, „wenn die Kuh im Brunnen liegt, dann zieht man sie heraus. Auch am Sonntag. Man wartet nicht bis Montag, weil es sich besser schickt.“
„Und was heißt das jetzt?“
„Das heißt, dass du nicht sitzen bleiben sollst, bis er hereinkommt.“ Sie schob das Häferl von sich weg und legte eine Hand auf den Tresen, eine breite, rissige Hand mit kurzen Nägeln und einer alten Narbe quer über dem Handrücken. „Mein Name ist Brenda. Mein Wagen steht hinten. Bei den Mülltonnen.“
Rudl nickte.
Zum ersten Mal an diesem Tag kam ihm etwas bekannt vor.


