Kapitel 2: Der Abfallbeauftragte
Eigentlich war Rupert Brandstetter ein Mann, der das Verreisen verabscheute. Wer dreißig Jahre lang bei der Wiener Müllabfuhr gearbeitet hat, weiß, dass am Ende überall derselbe Unrat herumliegt. Ob in Favoriten, in Venedig oder in der Pampa von Indiana – die Menschheit hinterlässt überall dieselbe Spur aus Plastikfolien, Zigarettenstummeln und Halbwahrheiten.
Sein Chef beim Magistrat, der Hofrat Wondra, hatte ihm diese dreiwöchige Busreise durch die USA nicht gegönnt, sondern aufgebrummt. „Geh bitte, Rudl“, hatte Wondra gesagt und dabei mit einer fettigen Büroklammer in den Zähnen gestochert, „fahr einmal weg. Du bist mir hier im Fuhrpark zu giftig. Seit der Geschichte mit der Ex-Frau und der Versteigerung schaust aus wie a Leich, die man vergessen hat abzuholen. Fahr nach Amerika. Schau dir dort die Entsorgungsbetriebe an. Die haben drüben riesige Deponien. Das lenkt dich ab.“
Das mit der Ex-Frau war die sogenannte dunkle Vergangenheit, auch wenn Rudl das Wort nie benutzt hätte. Es war nichts Kriminelles gewesen, nur das übliche, leise Desaster. Zehn Jahre Ehe, dann hatte sie sich mit einem Esoterik-Händler aus Mödling nach Graz abgesetzt und ihm das gemeinsame Reihenhaus hinterlassen – samt den Schulden und einem leicht hinkenden Dackel, der zwei Jahre später an Altersschwäche eingegangen war.
Seither wohnte Rudl allein in einer Zweizimmerwohnung in Hernals, trank seinen Kaffee schwarz und hatte in der MA 48 den Ruf eines Mannes, der zwar jeden Einsatzplan auswendig kannte, aber bei Betriebsfeiern nach dem zweiten Pfiff aufstand und ohne Wort ging. Ein Mann, der funktionierte, weil Aufhören viel zu viel Papierkram bedeutet hätte.
Dass er jetzt alleine in einem Diner in Indiana saß, hatte mit dieser sturen Verweigerung von Gesellschaft zu tun. Er hatte die Reisegruppe aus Mödling schon am zweiten Tag nicht mehr ertragen. Dieses ewige „Schau, Rudl, ist das nicht gewaltig?“ vor jedem stinknormalen Maisfeld. Er war im Bus ganz hinten gesessen, stumm wie ein Hydrant, bis ihm die Klimaanlage auf die Stirnhöhlen geschlagen war und er beim Tankstopp einfach hinter das Silo flüchten musste.
Und jetzt wartete draußen ein Mann im Pickup.
Rudl saß immer noch auf dem rot Kunstleder-Barhocker. Das Schlimmste an Amerika war nicht die Bedrohung durch den Kerl draußen. Das Schlimmste war diese künstliche, aggressive Sauberkeit, die sie einem überall aufdrängten. Sogar auf der Menükarte vor ihm lächelte ein gezeichneter Biber mit strahlend weißen, gigantischen N Nageln. Schon wieder dieses Zahnweiß. Es war überall. Wie eine weiße Farbschicht, die man über den Dreck gekleistert hatte, damit keiner merkt, dass darunter alles verrottet.
„Ein Kaffee?“, fragte eine Stimme.
Sie entsprang nicht der Kellnerin mit dem Pferdeschwanz, sondern der Frau, die zwei Hocker weiter saß. Sie trug ein schlichtes, dunkelblaues Baumwollkleid, das eher nach 19. Jahrhundert als nach Indiana aussah, und ein verwaschenes Kopftuch. Sie hatte ein schmales, von der Sonne gegbgerbtes Gesicht und Augen, die Rudl mit einer merkwürdigen, unaufgeregten Klarheit musterten.
„A schwarzer, wenn’s geht“, brummte Rudl auf Wienerisch. „Ohne das Wasserzeugs, was die da drüben Kaffee heißen.“
Die Frau blinzelte nicht einmal. „Der Kaffee hier schmeckt wie altes Brunnenwasser“, sagte sie. Ihr Deutsch klang hölzern, steif und extrem langsam, als hätte sie die Wörter aus einem uralten Buch herausgebrochen. „Aba der Mann im schwarzen Wagen draußen sieht aus, als hätte er böse Gedanken im Sinn. Er schaut seit fünf Minuten durch das Fenster auf deine Sakkotasche, Nachbar.“
Rudl sah sie von der Seite an. „Der wartet nur, bis mir langweilig wird. Das kann dauern. Ich bin beim Wiener Magistrat, ich kann sehr lang warten.“
„Mein Name ist Brenda“, sagte die Frau und legte eine schwere, von Feldarbeit raue Hand auf den Tresen. „Und mein Wagen steht am Hinterausgang. Bei den Mülltonnen.“
