Zahnweiß

Der Mietwagen schmeckte nach künstlicher Blaubeere und verbranntem Plastik. Alois saß auf dem Fahrersitz eines Ford F-150, der die Ausmaße eines mittleren Gemeindebaus in Floridsdorf besaß, und versuchte verzweifelt, den Scheibenwischer einzuschalten. Stattdessen hüllte ihn das Bordsystem in das dröhnende Idiom eines christlichen Country-Senders.

Willkommen in Nebraska.

Alois war kein Abenteurer. Er war Oberinspektor der Magistratsabteilung 48 und wusste genau, wo im Leben die Grenzen lagen. Eine Mülltonne gehörte an den Gehsteigrand, die Melange auf den Marmortisch und der Amerikaner ins Fernsehen. Doch seine Frau Grete hatte beim Gewinnspiel des Raiffeisenkassen-Journals das »Große USA-Erlebnis« gezogen. Nun stand er an einer Tankstelle nahe Interstate 80, eingekeilt zwischen einer Zapfsäule von der Größe eines Kleiderschranks und der vollkommenen Absurdität des Mittleren Westens.

Er betrat den Verkaufsraum. Die Klimaanlage erwischte ihn wie ein Peitschenhieb bei minus zehn Grad.

»How’s it going, buddy?« schallte es ihm entgegen. Der Mann hinter der Treibstoff-Kassa trug eine Baseballkappe mit der Aufschrift Jesus is my Landlord und lächelte mit einer Zahnreihe, die so weiß war, dass es Alois in den Augen brannte.

Alois räusperte sich. Er hatte drei Jahre Schulenglisch genossen, angereichert durch dreißig Jahre Beobachtung von Touristen am Stephansplatz.

»Guten Tag«, sagte Alois und senkte mahnend die Stimme, um die bürokratische Ordnung wiederherzustellen. »I want pay. Gas. Station… number… vier.«

»Awesome!« rief der Mann, als hätte Alois soeben das Heilmittel gegen Krebs verkündet. »Just four? That’s super, man! Having a blessed day?«

Alois zuckte zusammen. Awesome. Dieses Wort klebte an allem wie geschmolzener Käse. Wenn man in Österreich jemandem mitteilte, dass der Tag »gesegnet« sei, rief der Angesprochene den Notarzt oder die Polizei.

»A Kaffee«, sagte Alois vorsichtig und deutete auf eine Batterie von Thermoskannen, aus denen ein Geruch nach lauwarmem Spülwasser stieg. »Mit ein wenig Milch, bitte. Normaler Kaffee.«

»Sure thing, boss! You want the Hazelnut-Pumpkin-Spice-Latte or the Salted-Caramel-Triple-Shot?«

»A Kaffee«, wiederholte Alois, diesmal mit dem leichten Unterton jener heiligen Aggression, die man in Wien reserviert, wenn der Kellner nach zehn Minuten noch immer keine Karte gebracht hat. »Schwarz. Oder braun. Einfach… Kaffee.«

Fünf Minuten später stand Alois auf dem Parkplatz. In der Hand hielt er einen Pappeimer von der Größe eines Blumenkübels. Der Inhalt war weißlich, roch nach chemischer Vanille und hatte eine Temperatur, die den Kernmantel eines Atomkraftwerks geschmolzen hätte.

Er trat an den Rand des Asphalts. Um ihn herum lag das Land. Es gab keine Berge. Keine Hügel. Keine Orientierung. Nur eine unbarmherzige, flache Leere, die sich bis zum Horizont zog, als hätte ein fahrlässiger Beamter vergessen, die Landschaft fertigzustellen. Es gab hier keinen Schmerz, aber auch keine Gemütlichkeit. Alles war gigantisch, hygienisch und vollkommen frei von Sinn.

Alois nahm einen Schluck aus dem Pappbecher. Der Zuckerschock traf sein Gehirn wie ein Vorschlaghammer. Er blickte auf den gigantischen Pickup, blickte auf die unendliche Interstate und dachte an seinen Schrebergarten in Aspern.

»Bist du deppert«, murmelte Alois leise in die drückende Hitze von Nebraska. Es war die einzig angemessene Analyse der Weltordnung.