Zahnweiß (3): Das Fundamt

Kapitel 3: Das Fundamt

Der Weg nach draußen führte durch die Küche, und die Küche war das Ehrlichste, was Rudl in diesem Land bisher gesehen hatte.

Im Gastraum hatte alles geglänzt, das Chrom, die Resopalplatten, sogar der Boden. Hier hinten glänzte nichts. Hier war es heiß, es roch nach altem Fett und nach heißem Metall, und Rudl war zum ersten Mal seit Chicago wohl.

An der Wand hing ein Dienstplan. Drei Namen waren durchgestrichen, ein vierter mit Kugelschreiber daruntergesetzt. Der Plan galt für die Woche vom Vierzehnten. Rudl schaute im Gehen darauf, wie er auf jeden Dienstplan schaut, und rechnete aus, ohne es zu wollen, dass er zwei Wochen alt war.

Am Spülbecken stand ein Bursch, vielleicht zwanzig, mit einem Gesicht wie ein Aschenbecher am Sonntag in der Früh. Er sah auf und sagte etwas, das Rudl nicht verstand, und dabei lächelte er.

Die Zähne waren weiß und vollzählig.

„Hier durch, Nachbar“, sagte Brenda. „Gib acht, der Boden ist fettig.“

Die Hintertür ging nach außen auf und schlug gegen einen Betonpoller, der genau dafür dort stand, weil die Farbe an dieser Stelle schon herunter war.

Brenda hatte gesagt, ihr Wagen stehe bei den Mülltonnen. Es waren keine Mülltonnen.

Es war ein einziger Behälter, blau, mit hochgeklapptem Deckel, und in dem Behälter war alles. Karton, Glas, Speisereste, Folie, ein Sessel ohne Lehne, ein Kübel mit eingetrockneter Farbe. Rudl blieb stehen, obwohl er nicht stehen bleiben durfte.

In Wien wäre das ein Fall gewesen. Er hätte den Standplatz aufgenommen, beanstandet, dass niemand hier irgendetwas trennt, einen zweiten Behälter angeordnet und die Niederschrift noch am selben Nachmittag geschrieben, mit Datum und Uhrzeit.

Hier war er ein Herr in einem zu warmen Sakko, der neben einem Mistkübel steht.

Neben dem Behälter stand ein Fass mit Altfett. Der Deckel lag daneben am Boden. Rund um das Fass war der Beton dunkel, in einem Kreis, der deutlich älter war als der heutige Tag.

„Nachbar.“

Rudl ging weiter.

Der Impala stand hinter der Rampe im Schatten, dunkelblau, so alt, dass der Lack oben am Dach matt geworden war. Auf der Nummerntafel hinten klebte eine Marke mit einer Jahreszahl.

Die Jahreszahl war die richtige. Rudl hatte in zwei Wochen Amerika eine Menge Nummerntafeln gesehen, auf denen die Jahreszahl nicht die richtige war.

Innen roch es nach nichts. Kein Bäumchen am Spiegel, kein Papier am Boden, auf der Rückbank eine zusammengelegte Decke. Unter dem Armaturenbrett hing ein Sprechfunkgerät, das Mikrofon ordentlich in der Halterung, das Spiralkabel aufgedreht.

Rudl setzte sich hinein und stellte fest, dass der Wagen sauberer war als seine Wohnung.

Brenda fuhr hinten am Grundstück entlang und kam erst am Ende auf die Zufahrt heraus. Sie fuhr weder schnell noch langsam. Sie fuhr, wie man einen Traktor über einen Hof fährt.

Der Pickup stand im Schatten des Silos. Der Mann mit der Kappe stand daneben und hielt sich ein Telefon ans Ohr. Er schaute in die andere Richtung, dorthin, wo die Fliegengittertür war.

Unter dem Pickup war der Schotter dunkel. Ein Fleck, so groß wie ein Suppenteller.

Rudl schaute auf den Fleck, solange er ihn sehen konnte.

Dann waren sie auf der Zufahrt, und dann waren sie auf der Autobahn.

Links und rechts stand der Kukuruz, hoch und schon am Umfärben, und dahinter stand noch einmal Kukuruz. Über dem Asphalt flimmerte die Luft, und weit vorne wurde die Fahrbahn zu einer Pfütze, die immer gleich weit weg blieb.

Nach ein paar Meilen kam eine Tafel, so groß wie ein Hausgiebel, auf zwei Stahlbeinen mitten im Feld.

BLEACH YOUR SMILE. EXIT 39.

Darauf war eine Frau, deren Mund breiter war als das Seitenfenster.

„Wie schaut er aus?“, fragte Brenda.

„Wer?“

„Der Mann.“

Rudl machte den Mund auf und wieder zu.

Er hatte ihn zweimal gesehen. Einmal in der Tür, aus einem halben Meter. Einmal durch das Fliegengitter, aus fünf.

„A Kappn hat er auf.“

„Was für Haare?“

„Unter der Kappn.“

„Wie alt?“

„Vierzig“, sagte Rudl. „Oder fünfzig.“

„Groß?“

„Mittel.“ Er dachte nach. „Amerikanisch mittel.“

Brenda sagte nichts.

„Die Zähne kann ich Ihnen sagen.“

Und dann sagte er die Zähne, und es dauerte länger als alles andere zusammen.

„Weiß. Ned weiß wie Zähne. Weiß wie a Waschbecken, des no kaner angschaut hat. Alle gleich lang, alle gleich breit, und dazwischen is ka Schatten. So was wachst ned.“

Brenda fuhr eine Weile.

„Du hast einen Mann zweimal gesehen“, sagte sie, „und du weißt nur seinen Mund.“

„I bin ka Kriminalbeamter.“

Irgendwo nach der Ausfahrt neununddreißig streckte Brenda die Hand aus und schaltete das Sprechfunkgerät ein.

„Die Lastwagenfahrer reden miteinander“, sagte sie. „Wenn einer etwas will, sagt er es auf dem neunzehnten Kanal.“

Es rauschte. Dann redete jemand über eine Waage in Ohio, und ein anderer lachte darüber. Dann rauschte es wieder.

Dann kam eine Stimme, die Rudl kannte, obwohl er sie noch nie gehört hatte.

Brenda übersetzte. Sie übersetzte langsam und ohne Betonung, wie man einen Brief vorliest, der einem nicht gehört.

„Blauer Wagen. Zeichen von Indiana. Westwärts auf der Achtzig, seit einer Viertelstunde. Der Mann darin ist von der Regierung.“

Sie hörte zu.

„Er hat ein Schriftstück zurückgelassen. Es ist in einer Geheimschrift.“

Rudl schaute geradeaus.

„Er liest es vor“, sagte Brenda. „Er buchstabiert.“

Und dann kam es aus dem Lautsprecher, in Silben zerlegt, langsam und mit dem Ernst eines Mannes, der etwas Gefährliches ausspricht:

Fund — ge — gen — stand.

Rudl griff in die Sakkotasche. Das Etui war da.

Die Serviette lag auf einem Tresen in Indiana, unter einem Kugelschreiber, der jemand anderem gehörte.

Der Lautsprecher buchstabierte weiter.

„Le — der — e — tu — i“, sagte Brenda. „Und dann eine Kennung. Emm. Ay. Vierzig. Acht.“

„MA achtundvierzig.“

„Was ist das?“

„Magistratsabteilung achtundvierzig“, sagte Rudl. „Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark.“

Brenda dachte darüber nach, so wie sie über alles nachdachte, wörtlich und ohne Eile.

„Er glaubt, du bist ein Beamter der Regierung.“

„I bin a Beamter“, sagte Rudl. „Nur hoit für’n Mist.“

Sie fuhren eine Weile.

Die Zeile mit der Summe war leer geblieben. Das hatte ihn schon im Diner gewurmt, und jetzt, wo die Niederschrift in der falschen Hand war, wurmte es ihn noch mehr. Er nahm das Etui heraus, streifte den Gummiring herunter und zählte.

Hundertsiebenundzwanzig Scheine. Zwölftausendsiebenhundert Dollar.

Er hatte auf zwölf geschätzt, vielleicht dreizehn. Es war das Einzige an diesem Tag, worauf er stolz sein konnte, und er war es auch.

Der Stick lag in seiner eigenen Lasche. Rudl hielt ihn ins Licht, das durch die Windschutzscheibe kam.

0106.

„Eine Zahl“, sagte Brenda.

„A Code“, sagte Rudl.

Brenda fuhr an einem Lastwagen vorbei, der Schweine geladen hatte, und zog wieder ein.

„Nachbar“, sagte sie. Sie schaute nicht herüber. „Bist du ein Dieb?“

„Na.“

„Was dann?“

„I hab an Fundgegenstand aufgnommen.“

„Und was tut man mit einem Fundgegenstand?“

„Verzeichnen“, sagte Rudl, „und dem Fundamt übergeben.“

„Dann gib es dem Fundamt.“

Rudl sagte eine Weile nichts.

„Des Fundamt is die MA achtundvierzig.“

Brenda fuhr.

„Dann hast du es dir selber gegeben.“

Draußen stand der Kukuruz.

„Biber haben orange Zähne“, sagte Rudl nach einer Weile.

„Was?“

„Wegen dem Eisen im Zahnschmelz. Deswegen halten s‘ a Leben lang.“

Brenda schaute kurz herüber und dann wieder auf die Straße.

„Der auf der Speisekarte hat weiße“, sagte Rudl.

Brenda sagte nichts dazu.

„Dein Omnibus ist drei Stunden voraus“, sagte sie später. „Er hält in Iowa. Vorher nicht.“

„Und wenn er dort nicht steht?“

„Dann steht er nicht dort.“

Rudl schaute in den Seitenspiegel.

Weit hinten, dort wo die Fahrbahn in der Hitze zur Pfütze wurde, stand ein dunkler Punkt.

Er wurde nicht kleiner.

„Ich sehe ihn auch“, sagte Brenda.

Sie nahm den Fuß nicht vom Gas und legte ihn auch nicht fester darauf. Sie fuhr genau so weiter wie vorher.